Begleite Eddie durch die Zeiten

Lehne dich zurück, entzünde das Lagerfeuer und erfahre, was Eddie auf seiner Reise durch die Zeit so passiert. Hier erscheinen nach und nach die Kapitel von Eddies verrückter Reise. Zusätzlich bekommst du, wenn du dich eingetragen hast, die Geschichte und die Sippenstundenimpulse auch per E-Mail geschickt. Du kannst die Geschichte in den Gruppenstunden vorlesen, sie deinen Sipplingen weitergeben oder einfach nacherzählen, wohin uns die Reise führt. Zusätzlich zu den Sippenstundenideen, die wir bereitstellen, sind im Text einzelne Wörter oder Passagen markiert, zu denen ebenfalls Sippenstunden möglich wären. 

Viel Spaß!

Disclaimer: Eddies Geschichte erhebt keinen Anspruch auf vollständige historische Korrektheit. Die einzelnen Episoden sollen ein grobes Bild der jeweiligen Zeit vermitteln und Spaß bereiten. 


Eddies verrückte Reise durch die Zeit

Eine Fortsetzungsgeschichte (c) VCP Land Bayern | Edith Wendler


Inhalt

Teil 1 - Ein Schulprojekt mit Folgen

Ein ganz normaler Junge | Seltsame Kochkünste | Ein Toaster der besonderen Art | Woher kommt dieser Stein?

Teil 2 - Verschollen in der Zeit 

Der Geruch von Abenteuer | Ein gefährliches Mädchen? | Beeren, Pipi und seltsame Zeichen | Ein Stück Brot mit unerwarteter Wirkung

Download Teil 1 & 2 - Ein Schulprojekt mit Folgen & Verschollen in der Zeit

Teil 3 - Neue Freunde und alte Rezepte

Ein Toaster mit Gefühlen? | Endlich etwas zu Essen | Ein Sklave namens Germanicus | Raue Schalen und Käsebällchen | Ein schlimmer Verdacht | Rettung in letzter Minute

Download Teil 3 - Neue Freunde und alte Rezepte

Teil 4 - Zwiebelkuchen und Zahnräder

Ein unbequemer Schlafplatz | Ungleiche Zwillinge | Ein grantiger Müller und eine blöde Kuh | Zwiebeln und Zahnräder | Traum oder Wirklichkeit?

Download Teil 4 - Zwiebelkuchen und Zahnräder

Teil 5 - 

Teil 6 - 


Teil 1

Ein Schulprojekt mit Folgen

- 1  -

Seine Mutter konnte nicht kochen. Das musste er sich eingestehen, stellte Eddie fest, während er an einem kühlen Dienstag im April aus dem Fenster des Klassenzimmers starrte. An sich fand Eddie seine kleine, durchgeknallte Mama ziemlich in Ordnung – mal abgesehen von ihrer Eigenart noch immer selbstgehäkelte Mützen zu tragen. Aber kochen, das konnte sie einfach nicht. Jedes Mal, wenn sie wieder einen ihrer berühmt-berüchtigten Kochversuche startete, wollte ein kleiner Teil von Eddie daran glauben, dass es diesmal klappen würde. Wenn er sich dann aber an die Esstheke setzte, um das neueste Trendgericht seiner Mama zu probieren, zog sich besagter kleiner Teil sehr schnell schmollend zurück und der Rest von Eddie würgte resigniert das Algensoufflee (oder was auch immer es war) hinunter.

Deswegen gab es in Eddies Haushalt ein unverzichtbares Gerät: den Toaster. Mit dessen Hilfe war es überhaupt kein Problem, jederzeit etwas Warmes, Essbares zu produzieren. Das klappte sogar meistens bei Mama. Und von wegen nur Brot! Eddie hatte mittlerweile eine Liste von 37 Dingen, die er erfolgreich getoastet hatte. Doch Eddie stand der Sinn nach mehr. Während er an diesem kühlen Dienstag im April aus dem Fenster des Klassenzimmers starrte und über die Kochkünste seiner Mutter nachdachte, beschloss Eddie seinen Toaster zu pimpen. Es sollte der beste und stärkste Toaster der Welt werden! Da kam es Eddie, der sich eigentlich nur für die Laberfächer, wie Sprachen und Geschichte, interessierte, sehr gelegen, dass sowieso ein Projekt zum Thema traditionelle Technik anstand. Und als Herr Koch, Eddies Lehrer, ihn nach seinem Gegenstand fragte, um ihn aus seiner scheinbaren Unaufmerksamkeit zu reißen, antwortete Eddie wie aus der Pistole geschossen: Toaster!

- 2 -

Drei Stunden und siebzehn Minuten später stand Eddie zu Hause an der großen Fensterfront im Wohnzimmer. Auf dem Tisch vor sich hatte er alle Werkzeuge, die er im Haushalt gefunden hatte, neben dem Toaster aufgereiht. Zwar hatte er sich im Technikunterricht noch nie mit etwas komplizierterem als dem Laden und Einlegen eines uralten Akkus in eine quasi schon antike Taschenlampe beschäftigt, aber das würde er schon schaffen!

„Du schaffst das sicher – ich glaube fest an dich!“, rief in diesem Moment Eddies Mama quer durch die Wohnung. Sie hatte es sich in der Sitzecke gemütlich gemacht, blickte kurz von ihrem Magazin auf, lächelte Eddie zu, griff nach einem getoastetem Viereck (das es nicht mochte, wenn man es Schnitzel nannte) und biss hinein, bevor sie sich wieder in ihre Lektüre vertiefte.  Bis zu diesem Punkt war es also ein ganz normaler Nachmittag, abgesehen davon, dass diesmal keine Geschichtsaufgabe, sondern ein Toaster samt Originalverpackung (man weiß ja nie) vor Eddie lag. Erst gestern hatte er über die absurde historische Episode recherchiert, in dem ein Mann namens Donald Trump Präsident der USA war, Menschen zum Zeitvertreib Videos ansahen, in denen anderen Menschen Hautunreinheiten entfernt wurden und irgendwie alle komisch drauf waren. Doch nun ging es um die  Mission Toaster. Eddie schnaufte tief ein und aus und begann zu … lesen. Doch in der Betriebsanleitung des Toasters fand er keinerlei Hinweise darauf, wie er das Gerät verbessern könnte. Außer einer Menge für einen Toast-Profi wie Eddie überflüssiger Infos gab es nur noch irgendwelche Warnhinweise und eine hässliche Illustration, die eine Katze in einem Verbotsschild zeigte.

Eddie atmete wieder tief durch, lies seine Hand über die Werkzeuge gleiten, blieb bei einem hängen und nahm es auf. „Dann wollen wir mal“, sagte er zu seinem Toaster und setzte den Schallschraubenzieher an. Im gleichen Moment begann der Toaster, der sich bisher immer völlig still und friedlich verhalten und einfach nur getoastet hatte, zu vibrieren. Doch nicht nur das – er begann im Inneren zu blinken, wechselt die Farben und machte dabei jaulende, quietschende und fiepsende Geräusche. Eddie schmiss sein Werkzeug in die Ecke, nahm den Toaster auf und blickte ihn perplex an. Als wäre das eine Aufforderung gewesen, steigerte der Toaster sein seltsames Verhalten immer weiter. Eddie bekam es langsam mit der Angst – was passierte hier? „Uaaahhhhaaahhhhh!“ Eddie begann mit dem quietschenden, summenden und in allen Farben blinkenden Toaster im Arm auf seine Mama zuzulaufen. Hier war Hilfe gefragt. Doch während er auf die Sitzecke zulief, schien sich die Zeit ganz komisch zu verhalten. Eddie kam es vor, als würde er immer langsamer statt schneller werden. Er meinte, aus den Augenwinkeln lange Tische mit daran sitzenden Menschen und alte Technik zu sehen, seine Mutter sah er nur noch für einen Augenblick, dann wurde alles bunt und dunkel, ohrenbetäubend laut und leise, federleicht und tonnenschwer. Eddie schwebte im Nirgendwo, bekam etwas zu fassen und warf es mit aller Kraft in die Richtung, aus der er glaubte, gekommen zu sein. 

- 3 -

Lina, Eddies Mutter sprang auf.  Eben noch war sie gemütlich in ein Koch- und Backmagazin vertieft gewesen und hatte sich innerlich auf ihr Geschäftsessen am nächsten Abend vorbereitet. Nun stand sie mitten in ihrer Wohnung und blickte sprachlos auf die Stelle, an der sie eben noch ihren Eddie gesehen hatte. Er war weg! Einfach weg! Im Raum schien noch ein wenig bunter Dunst zu schweben und die Luft schien irgendwie elektrisch aufgeladen. Da! Knisterte es da mitten in der Luft? Lina sah genauer hin und genauso plötzlich, wie ihr Sohn verschwunden war, tauchte mitten im Raum ein seltsamer Batzen auf und fiel mit einem lauten Knall auf den Boden neben ein Stück Papier. Lina griff danach, ohne überhaupt nachzudenken. Nichts passierte. Nun stand sie – ein bedrucktes Blatt Papier in der einen Hand, den seltsamen Batzen in der anderen Hand da. Was ging hier vor? Sie schüttelte sich, stellte fest, dass es kein Traum war und begann sich das Papierstück genauer anzusehen. Es war die Bedienungsanleitung des Toasters, den Eddie für die Schule reparieren oder umbauen wollte. Ihr Blick blieb an einer hässlichen Illustration, die eine Katze in einem Verbotsschild zeigte, hängen und sie begann, die daneben abgedruckten Warnhinweise zu lesen: „Blablabla … das Gerät wird heiß …. Nicht für Kinder unter 6 Jahren geeignet …. Blabla … Netzspannung …. Brandgefahr! Brot kann brennen! … Blabla … nicht zum Trocknen oder Wärmen von Haustieren aller Art geeignet … Blablabla … nicht ins Wasser tauchen … Achtung! Versuchen Sie nie, das Gerät selbst zu reparieren. Der unsachgemäße Versuch kann zur spontanen Bildung von Wurmlöchern führen.“, murmelte Lina vor sich hin. Dann las sie die letzten Worte nochmals. WURMLÖCHER?! ERNSTHAFT! Vor lauter Entsetzen und Verblüffung fiel ihr der seltsamen Batzen aus der Hand und mitten auf ihren Fuß. AU! Sie hob das Ding auf und betrachtete es genauer. Es war ein Stein. Ein ganz normaler Stein. Er wirkte vielleichte ein wenig frischer als andere Steine, wenn es so etwas gab, aber ansonsten? „Ein Stein!“, Linas Nerven begannen ein wenig auszufransen – Sohn weg, Toaster weg, dafür ein Stein – das war ein wenig viel. „Stein … Stein oder nicht Stein – mag es ein Steinzeitstein sein, der Stein?“ sprudelten die Worte aus Lina heraus. Und als sie diese Worte selbst hörte, wusste sie plötzlich, dass sie Recht hatte. Es war ein Stein! Eddie hatte ihr eine Botschaft geschickt! 

Teil 2

Verschollen in der Zeit

- 4 –

Eddie wackelte mit der rechten Zehe. Alles ok. Dann wackelte er mit der linken Zehe. Schien auch ok zu sein. Er öffnete sein Auge einen kleinen Schlitz. Erst das eine, dann das andere. Nichts passierte. Er lag auf dem Rücken und hatte noch immer den Toaster im Arm. Über ihm fielen ein paar Sonnenstrahlen durch dichte, hellgrüne Blätter und er meinte, Rauch zu riechen. Ein bisschen wie er sich ein Lagerfeuer vorstellte. Davon hatte er gelesen, aber zu seinem Leidwesen noch nie eines erlebt. Langsam setzte er sich auf und ließ seinen Blick schweifen. Wo auch immer er war und wie auch immer er hierhergekommen war, er war am Rande eines Buchenwaldes gelandet. Hinter ihm erstreckten sich Bäume, unter denen es immer kühler und ruhiger wurde. Auf seiner rechten Seite erhob sich deutlich ein Hügel im Gras und ziemlich genau vor ihm war in einiger Entfernung Rauch zu sehen. Er hatte also richtig gerochen. Als er nach links blickte, zuckte er zusammen und die brennendste Frage war nicht mehr, wo er gelandet war, sondern wann. Denn auf einem großen Stein saß ein Mädchen, das sicherlich nicht in Eddies Zeit gehörte.

Sie* trug ein grobes, braunes, kurzärmeliges Oberteil und einen langen, ebenfalls braunen Rock, der von einer Schnur in ihrer Taille zusammengehalten wurde. Das konnte Eddie trotz des breiten, gemusterten Gürtels mit Quasten und einer tollen Gürtelschnalle, der wohl beim Sitzen verrutscht war, sehen. An Hals, Armen und Fingern trug das Mädchen Schmuck, der ein Spiralmuster aufwies, genau wie die Gürtelschnalle und ihre langen, hellbraunen Haare hatte sie irgendwie mit Kämmen an ihrem Kopf befestigt. Was jedoch Eddies Aufmerksamkeit am meisten fesselte war der Dolch, den sie bei sich hatte.**
Er schluckte. „Hallo. Verstehst du mich? Mein Name ist Eddie.“ Das Mädchen stutze, grinste und erwiderte mit einem leichten Kratzen in der Stimme „Ja.“.

Aha – Eddie saß mit einem Toaster auf dem Schoß auf dem Boden, schaute das Mädchen an und kam sich blöd vor. Immerhin, sie schien ihn zu verstehen (1). Aber hätte sie nicht etwas mehr sagen können? „Ich komme in Frieden.“, sagte Eddie und kam sich gleich wieder blöd vor. „Ähh – hast du auch einen Namen?“, frage er dann. „Ja.“ … … … Eddie wartete, seufzte und startete noch einen Versuch: „Wie heißt du denn?“ „Nebra, ich heiße Nebra!“, prustete das Mädchen los und lachte***. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als ich nur Ja gesagt habe!“, sagte sie immer noch lachend, stand auf und hielt ihm ihre Hand hin um ihm aufzuhelfen.

(1)  Auszug aus der Bedienungsanleitung von Eddies Toaster: … kann es zur spontanen Bildung von Wurmlöchern kommen. Der Einzige, der nach einem Wurmloch-Reparaturanfall wieder hierher zurückkam, Dr. Wurmel Gründbein, berichtete, dass er wundersamer Weise während seiner kompletten Reise keiner Verständigungsschwierigkeiten hatte. Sollten sie also aufgrund eines unsachgemäßen Reparaturversuchs an diesem Toaster auf Wurmlochreise gehen, wünschen wir ihnen interessante Unterhaltungen.

* Schon gewusst? Ausgrabungen und Analysen haben uns erst 2017 gezeigt, dass in der Bronzezeit wahrscheinlich (die Forschungen sind noch nicht abgeschlossen) die Männer eher sesshaft waren, die Frauen jedoch weite Reisen unternahmen und dabei Werkzeuge, Materialien und Wissen verbreiteten. Hier findest du einen interessanten Artikel dazu.

** Von wegen Fell um die Hüften! In der Bronzezeit gab es bereits Kleidung, die der unseren ziemlich ähnlich war. Gewebte Wolle und gewebtes Leinen, Fell und Leder waren die Materialien, aus denen die Kleidung bestand. Frauen trugen oft einen schwarz-weiß gemusterten Gürtel mit einer spiralförmig verzierten Gürtelschnalle und verschiedene Schmuckstücke. Lust auf mehr Infos? Hier findest du sie. 

*** Nebra ist eigentlich der Name eines Ortes in Sachsen-Anhalt. Dort fanden 1999 Grabräuber eine runde Bronzeplatte mit Verzierungen aus Gold. Das Alter dieser Scheibe wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Hier findest du mehr Informationen dazu. 

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Da stand er nun, mitten auf einer Wiese im Sonnenschein, blickte das Mädchen namens Nebra an und hielt noch immer den Toaster unter seinem linken Arm. „Was hast du denn hier bei unseren Gräbern zu suchen?“, fragte Nebra. Ihr ausgelassenes Lachen hatte sich verwandelt und sie wirkte sehr ernst. Eddie blickte sich um und versuchte zu verstehen, was Nebra meinte. Nirgendwo konnte er ein Grab oder einen Friedhof oder irgendetwas Vergleichbares entdecken. Vor ihm stand Nebra, über deren Schulter er noch immer die Rauchsäulen in der Ferne sehen konnte. Hinter ihm war nach wie vor der Wald, links von ihm war der Stein, auf dem Nebra gesessen hatte und rechts war dieser Grashügel. Was wollte dieses Mädchen von ihm? „Gräber?“, fragte Eddie schließlich nach und schlug dabei einen Tonfall an, der ihn nicht allzu intelligent erscheinen ließ. „Was denn für Gräber?“ Doch bevor Nebra antworten konnte, fiel es Eddie wie Schuppen von den Augen. „Oh Mann, der Hügel! Oder?“, stieß er hervor. „Das ist ein Hügelgrab, richtig?“ „Äh – das ist unsere Grabstelle hier, ja.“, erwiderte Nebra verwirrt. „Wenn du willst, kannst du es sicherlich Hügelgrab nennen. Das beschreibt es ja ganz gut. Aber respektvoll solltest du dennoch sein – hier ruhen geachtete Menschen aus unserem Dorf.“ „Und was hast du hier gemacht?“ Eddie biss sich auf Lippe, noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Nebra blickte zu Boden, dann zum Hügelgrab. Sie blickte über ihre Schulter zu den Rauchsäulen und schließlich blieb ihr Blick auf Eddies Schuhen (2) hängen und sie murmelte: „Ich habe die Nähe und den Rat meiner Großmutter gesucht. Sie war viele Jahre unterwegs und hat vieles kennengelernt, bevor sie hier im Hügel ihre Ruhestätte fand. Ich habe sie nach Abenteuern und der Welt abseits dieses Tals gefragt … und nun bist du da. Hat sie dich geschickt?“ Bei dieser Frage blickte sie Eddie direkt in die Augen. Sie hatte seltsame, bernstein- oder honigfarbene Augen, wie Eddie sie noch nie gesehen hatte. Und diese Augen blickten ihn teils neugierig, teils angespannt und teils wachsam an. Angst schien sie nicht zu haben, aber Eddie war klar, dass seine Antwort für sie wichtig war.

 „Ich weiß leider nicht, wie ich hierhergekommen bin“, sagte Eddie und seufzte. „Es gab eine Art Unfall und ich bin einfach hier gelandet.“ Eddie seufzte nochmal – dann brach es aus ihm heraus: „Aber ich muss doch wieder heim! Meine Mama macht sich bestimmt Sorgen, ich muss das Schulprojekt abgeben und außerdem hab ich noch nicht mal ein Brot mit dabei. Wie komme ich denn wieder zurück?!“ „Keine Ahnung. Aber komm doch erst mal mit mir in mein Dorf. Wir geben Wanderern und Reisenden immer Schutz und Nahrung, auch wenn es meistens Frauen sind, die hier vorbeikommen und keine Jungs, die komisches Zeug reden. Im Dorf können vielleicht auch herausfinden, ob du ein Gesandter meiner Großmutter bist … und außerdem gibt es dort auch Brot.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich Nebra um und folgte einem schmalen Pfad, der sich in Richtung der Rauchsäulen zog. Eddie überlegte keinen Moment, sondern setzte sich ebenfalls sofort in Bewegung. Alleine auf dieser Wiese zu bleiben war keine Alternative. Auf ihn wartete ein Abenteuer, ein fremdes Dorf und – hurra – ein Stück Brot.  Danach würde er sicherlich den Weg nach Hause finden.

(2) Auszug aus der Bedienungsanleitung von Eddies Toaster: … ebenfalls berichtete Dr. Wurmel Gründbein von einem interessanten Phänomen die äußere Form der Reisenden betreffend. Scheinbar nahmen die Individuen, die er auf seiner Reise getroffen hatte, keine äußerlichen Unterschiede zwischen sich und dem Reisenden wahr, so dass Dr. Gründbein vor Auseinandersetzungen und Fragen über sein für andere Zeiten seltsames Aussehen verschont blieb. Sollten sie also aufgrund eines unsachgemäßen Reparaturversuchs an diesem Toaster auf Wurmlochreise gehen, machen sie sich keine Gedanken über ihr Outfit. Es spielt zu keiner Zeit eine Rolle.

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Alle Menschen, die er sehen konnte, wirkten sehr beschäftigt. Eddie trottete hinter Nebra her, überquerte einen kleinen Fluss und nach etwa einer halben Stunde hatten sie das Dorf erreicht.

Etwa 25 stabil wirkende und, wie Eddie fand, teilweise erstaunlich große Häuser* standen auf einer kleinen Erhebung. Etliche Feuer rauchten zwischen den Häusern vor sich hin und auch aus dem Dach einiger Hütten kam Rauch, der anzeigte, dass im Inneren wohl ein Feuer brannte. Eddie war sprachlos. Ein Lagerfeuer. Ein echtes Lagerfeuer. Genau wie die, von denen er gelesen hatte. Er näherte sich vorsichtig einem der Feuer und betrachtete es. Neben dem Feuer hockte ein Mann und bearbeitete etwas, das so ähnlich aussah wie Nebras Gürtelschnalle.

Ein Stück weiter standen etliche Frauen und Kinder vor einem großen Gebilde aus Lehm und schienen auf etwas zu warten. „Was ist denn da los?“, wollte Eddie von Nebra wissen. „Was soll da los sein? Sie warten, dass das Brot fertig ist.“ Eddie überlegte und kramte in seinem Hirn nach einer Erklärung. Das musste ein Backofen sein.“ Ein Backofen! Quasi ein Urahn seines Toasters! Eddie drückte seinen Toaster ein bisschen enger an sich und seufzte. Er war nervös, hatte Hunger und – auch wenn er es sich nicht gerne eingestand – Heimweh. Schnell drehte er sich ein wenig von Nebra weg und sah sich weiter um.

Am Rand des Dorfes sah er zwei Flächen, die mit verschiedenen Pflanzen bewachsen waren. Ein paar ältere Kinder waren gerade dabei, etwas zu ernten. Er kramte in seinem Kopf nach dem Wissen aus dem Biologieunterricht und beschloss, dass es sich wahrscheinlich um Getreide und um irgendwelche Bohnen handeln musste. Daneben blühten in einer Wiese, die von Beerensträuchern (die erkannte Eddie zu seiner Freude sofort) gesäumt war, viele Blumen. „Träumst du?“, Nebra riss Eddie aus seinen Gedanken. „Bis das Brot fertig ist, wird es noch ein wenig dauern. Komm mit, ich stelle dich meinem Vater vor.“ Nebra zögerte und fügte etwas leiser hinzu „Der hat hier das Sagen. Lass dich nicht einschüchtern, falls er etwas grantig ist – das liegt dann an mir, nicht an dir. Ich habe mich nämlich vorhin weggeschlichen, weil ich keine Lust hatte, beim Stoffärben zu helfen.“ Sie nahm Eddie bei der Hand und zog ihn zu einem der langen Häuser. 

* Lust auf einen Ausflug? In Dietfurt (das ist in der Nähe unseres Zeltplatzes Bucher Berg) gibt es das  "Erlebnisdorf ALCMONA". Dort ist ein bronzezeitliches Langhaus rekonstruiert und es entstehen weitere Gebäude. Außerdem gibt es Programmangebote rund um die Stein- und Bronzezeit. Hier kannst du dich informieren. 

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Das Haus war groß, kühl, dunkel und roch seltsam. Eddie musste sich ein Grinsen verkneifen, als ihm auffiel, dass diese Beschreibung auch auf Nebras Vater zutraf. Der beeindruckend große Mann saß am Eingang des Hauses und beendete gerade ein Gespräch mit einem der anderen Männer aus dem Dorf. In seinen Händen hielt er eine Tafel, in die seltsame Symbole eingeritzt waren. Als er Nebra entdeckte, ließ er ein tiefes, brummendes Schnauben hören. „Ach, sieh an, wer da wieder auftaucht. Meine kleine Abenteurerin ist wieder da … Wo warst du denn plötzlich, als du deinen Pflichten nachkommen solltest? Meinst du, für dich gelten andere Regeln als für alle anderen?“ Er erhob sich und machte zwei Schritte auf Nebra zu. „Schau mal, ich habe einen Fremden gefunden!“, stieß Nebra schnell hervor, zerrte Eddie samt seinem Toaster am Arm und stellte ihn genau vor sich, so dass sie hinter ihm fast verschwand. Eddie erstarrte und suchte mit seinen Augen einen Fluchtweg, während der dunkelhaarige Hüne noch einen Schritt auf ihn zukam. Nein, er, Eddie, würde nicht hier sterben – in einer fremden Zeit an einem fremden Ort, zerquetscht von einem wütenden Vater! Das kam gar nicht in Frage.  Er stieß Nebra, die sich an seinen Rücken klammerte, mit seinem Ellbogen an, starffte die Schultern und streckte dem wütenden Mann seine Hand entgegen. „Hallo – ich bin Eddie und ich habe mich irgendwie … ähhhh … verlaufen. Es tut mir leid, zu stören, aber ….“ „Schon gut.“, brummte der Mann und nahm Eddies Hand in die seine. „Mein Name ist Ledro* und wenn du Unterkunft und Verpflegung brauchst, so sollst du diese auch bekommen. Mein Dorf hat noch nie einen Wanderer abgewiesen. Aber ich habe drei Bedingungen. Da meine Tochter dich ja offensichtlich in ihr Herz geschlossen hat und dich als Schild benutzt, wirst du dafür sorgen, dass sie jetzt sofort das erledigt, was ihr aufgetragen war. Danach sollst du Brot und einen Platz zum Schlafen bekommen.“ Eddie starrte Ledro an, stieß nochmals seinen Ellbogen in Nebras Rippen und überlegte krampfhaft, was er sagen sollte. Doch nun hatte auch Nebra wieder Mut gefasst, ihrem Vater zu widersprechen. „Aber das ist doch ganz und gar ungerecht …“ setzte sie an. „Keine Wiederrede! Du wirst nun das Stück Stoff, das die Reisende im Frühling hiergelassen hat, färben. Danach kannst du noch das Saatgut auf dem freien Stück Feld ausbringen und  für deinen fremden Freund habe ich danach noch eine ganz besondere Aufgabe. Los jetzt!“, polterte Ledro und verschwand im Haus.

Eddie merkte, dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte, und atmete tief aus. Danach drehte er sich zu Nebra um und funkelte sie böse an. „Na toll – das war ja ein voller Erfolg. Dann lass uns mal loslegen, sonst wird das ja nie was mit dem Brot. Was sollte das alles überhaupt?!“ Nebra fixierte einen Käfer, der zwischen ihren Füßen herumkroch und nestelte an ihrer Gürtelschnalle herum. Schließlich drehte sie sich mit einem Seufzer um und nuschelte im Fortgehen „Komm mit – wir brauchen ein paar Beeren. Bei den Sträuchern erkläre ich dir alles.“

„Also es ist so – mein Vater bildet sich ein, dass er unbedingt ein Tuch in der Farbe von Beeren haben will, “, erklärte Nebra, während sie und Eddie dicke, fleischige Beeren aus einem sehr stacheligen Busch pflückten. „Alle anderen sind mit den braunen und schwarzen Stoffen zufrieden – aber nein, mein Vater will etwas Besonderes, damit jeder sieht, was für ein mächtiger und einflussreicher Mann er ist. Im Frühling kam eine Reisende durch unser Dorf und mein Vater handelte so lange mit ihr bis sie ihm ein Stück Stoff überließ, das ganz hell ist. Nun will er, dass ich daraus ein farbiges Stück Stoff mache.“ Eddie zupfte an den Beeren herum und schmollte. Mittlerweile hatte er außer Hunger und Heimweh auch noch zerkratzte Hände und musste sich Gedanken machen, was denn die besondere Aufgabe sein würde die Ledro noch für ihn hatte. „Dann machen wir das jetzt halt einfach.“, maulte er Nebra an. „Jaja,  ist ja gut – ich hätte es ja noch gemacht, aber ich wollte eben ein wenig alleine sein und darüber nachdenken, wie das Leben anderswo ist.“, schnappte Nebra. „Das sind jetzt genug Beeren.“ Sie lief einfach los und ließ Eddie stehen.

* Der Name Ledro ist der Name eines italienisches Sees, an dem es eine bronzezeitliche Siedlung gab. Mehr Informationen gibt es hier.

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Einige Zeit später fand Eddie Nebra an einer der Feuerstellen, wo sie Wasser in einem großen Gefäß erhitzte. „Hey – ich, ähhh, ich werde immer ziemlich unfreundlich, wenn ich Hunger habe … entschuldige.“, sprang Eddie über seinen Schatten. Er hatte nachgedacht und beschlossen, dass es doch besser war, sich mit Nebra zu vertragen als ganz alleine mit seinem Toaster am Beerenstrauch zu stehen. „Mir tut es auch leid.“ Nebra grinste ihn schräg an. „Ich war einfach sauer, weil mein Vater uns so angeschrien hat. Aber nun musst du die Suppe auslöffeln, die ich uns eingebrockt habe. Das ist auch doof.“ Sie blickten sich durch den Rauch des Feuers an und plötzlich prustete Nebra los. „Hast du … hast du dir zufällig mit der Hand über dein Gesicht gerieben?“ „Ähhh, ja, schon, ich hatte da einen Käfer sitzen oder so.“, schwindelte Eddie, der unter keinen Umständen zugegeben hätte, dass er sich ein paar Wuttränen aus dem Gesicht hatte wischen müssen. „Du bist ganz rosa!“, quiekte Nebra und schüttete sich vor Lachen aus. „Wie ein kleines Ferkel!“ Eddie war kurz davor, sich zu ärgern, aber Nebras Lachen war so ansteckend, dass er einfach mitlachte. Er stellte seinen Toaster vorsichtig neben die Feuerstelle und blickte in den Topf. Dort schwammen zerquetsche Beeren in eine Flüssigkeit, die ein wenig seltsam roch. „Was ist das?“ „Brombeeren, Wasser und Pipi.“, entgegnete Nebra. „die Reisende meine, dass man das so macht. Jetzt hole ich den Stoff und dann können wir los und die blöden Samen ausbringen.“ Gesagt getan. Während Eddie neben seinem Toaster am Feuer kauerte und auf Nebra wartete, starrte er ins Feuer. Er saß tatsächlich an einem Lagerfeuer. An einem echten Feuer, das knackte und rauchte und heiß war! Das war tatsächlich ein schönes Gefühl. Schöner als er es sich hatte vorstellen können, als er davon gelesen hatte. Doch da war Nebra auch schon wieder da, lies ein Stück dicken, wolligen Stoff in den Kessel plumpsen, drückte ihn mit einem Stab herunter und meinte „So, nun müssen wir warten. Also los – lass uns aufs Feld gehen.“ Eddie stand auf, nahm seinen Toaster auf den Arm und trabte hinter Nebra her. „Eigentlich müsste ich dem Toaster fast einen Namen geben“, überlegte er, „wir sind ja fast sowas wie Reisegefährten und so wie es aussieht, dauert das alles ganz schön lange.“ Doch da unterbrauch Nebra seine Gedanken. Sie drückte ihm eine Mischung aus Erde und Samen in die Hand und deutete auf ein freies Stück Feld. „Verteilen!“, befahl sie knapp und machte sich ihrerseits an die Arbeit. Mit einem komischen Gerät, das aus einem Holzstab und einem am unten befestigten Stück Metall bestand lockerte sie den Boden und bedeutete Eddie, dort das Saatgut hinzuwerfen. Sie arbeiteten keine kurze Weile stumm nebeneinander her, dann war es auch schon geschafft. „Geschafft.“, sagte Nebra dann auch. Jetzt musst du zu meinem Vater zurück und ihn fragen, was er noch von dir will. Ich gehe nach dem Stoff schauen. 

-9-

Ledro saß auf den Stufen seines Hauses und wirkte viel entspannter als bei ihrem ersten Zusammentreffen. In seinen Händen hielt er noch immer die Platte mit den eingeritzten Zeichen. Als er bemerkte, dass sich Eddie näherte, blickte er auf und – oh Wunder – grinste ihn an. Er grinste sehr ähnlich wie Nebra, nur mit viel mehr Haaren rund um seinen Mund und auf seinen Wangen. „Ahhh, der kleine Fremde ist wieder da. Und – hast du meine Tochter dazu gebracht, sich um ihre Aufgaben zu kümmern? Ich bedaure, dass ich auch zu dir so grob war – aber Nebra hatte den Bogen einfach überspannt. Komm, setz dich zu mir.“ Eddie stellte den Toaster vorsichtig an den Fuß des Hauses und setzte sich noch vorsichtiger neben den riesigen Mann. „Du kommst von weit her?“, fragte Ledro. „Ja, irgendwie schon…“ „Dann sieh dir bitte einmal dies hier an. Kannst du mir sagen, was das bedeutet?“, Ledro drückte Eddie die Tafel in die Hand und blickte ihn gespannt an. Unbekannte Zeichen zogen sich über den ganzen Stein, bildeten Gruppen und wiederholten sich zum Teil. Eddie fand sie recht hübsch, aber hatte keine Ahnung, was sie bedeuten sollten. In der Schule und aus seinen Büchern kannte er alte Zeichen wie Hieroglyphen, aber so etwas hatte er noch nie gesehen. Was sollte er tun? Noch wirkte Ledro recht friedlich, aber würde das auch so bleiben? Vorsichtig blickte Eddie ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Hmpfdmpf nie dmpgmüpf“, murmelte er – und als Ledro ihn verwirrt anblickte, wiederholte er lauter „Ich habe so etwas auch noch nicht gesehen! Bitte sei nicht böse!“ In diesem Moment stürmte Nebra heran. Sie hielt ein Stück pinken Stoff über ihrem Kopf und jubelte „Es hat geklappt, es hat geklappt.“ Dann legte sie ihrem Vater den noch feuchten Stoff in die Hände. Der blickte auf den Stoff, dann auf seine Tochter, dann auf Eddie. Er legte den Stoff vorsichtig beiseite und stand auf. Eddie sah sich um – wo konnte er Deckung suchen – und zuckte zusammen, als Ledro einen lauten Ruf ausstieß! „Das ist mein Mädchen!“, er nahm Nebra hoch, schleuderte sie einmal im Kreis, setzte sie ab, wandte sich Eddie zu und klopfte ihm so fest auf die Schulter, dass er fast von der Türschwelle gefallen wäre. „Leg die Tafel hin, kleiner Fremder“, polterte er. „Jetzt wird gegessen!“

-10-

Eddie und Nebra saßen auf einem Stein bei den Feldern. Beide hatten ein Stück Brot in der Hand und schauten auf das bestellte Feld. „In ein paar Wochen werden hier Bohnen wachsen und mich an dich erinnern.“, sagte Nebra nachdenklich. „Du bist dann sicher schon lange woanders und ich bin immer noch hier.“ „Vielleicht lässt dein Vater dich ja auch bald auf Reisen gehen?“ „Ja, vielleicht … aber sag mal, was ist das eigentlich für ein Ding, das du da dabei hast? Was macht man damit?“ Eddie starrte seinen Toaster an. „Das? Das ist wie ein Backofen, nur in ganz klein.“, erklärte er. Man muss ein Stück Brot in den Schlitz stecken – so, siehst du?“ KABUMM! Es gab einen lauten Knall und der Toaster machte wieder jaulende, quietschende und fiepsende Geräusche. Entsetzt starrte Eddie seinen Toaster an. Es kam ihm vor als würde er sich immer schneller bewegen, obwohl er auf dem Stein saß. Vor seinen Augen begann alles zu flimmern, dann  wurde alles bunt und dunkel, ohrenbetäubend laut und leise, federleicht und tonnenschwer. Eddie schwebte im Nirgendwo, dachte sich noch „Nicht schon wieder!“, bekam etwas zu fassen und warf es mit aller Kraft in die Richtung, aus der er glaubte, gekommen zu sein.

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Lina, Eddies Mutter stand in Tränen aufgelöst an Eddies Arbeitsplatz und versuchte dem Polizisten zu erklären, was geschehen war, ohne dass sie sich damit selbst in die Psychiatrie verfrachtete. „Nein wirklich! Es hat gejault, gequietscht, gepiepst und dann war Eddie weg.“, versicherte sie Inspektor Brauentreiber. „Es war dieser verflixte Toaster!“ Inspektor Brauentreiber machte sich Notizen, hob eine Augenbraue und fixierte Lina „Sie wollen also wirklich behaupten, dass ihr Sohn von einem Toaster entführt wurde?“ „Nein – es ist dieser Toaster gewesen,“ schrie Lina und hielt dem Inspektor die Bedienungsanleitung vor die Nase. Der warf einen Blick darauf und wurde blass. „Oh nein – das Wurmel Gründbein Modell!“, japste er. „Ich dachte, die haben wir alle aus dem Verkehr gezogen.“ Und während sich Lina und Inspektor Brauentreiber noch entsetzt anstarrten, gab es plötzlich ein jaulendes, quietschendes und fiepsendes Geräusch, einen kleinen Lichtblitz und mitten auf den Tisch, zwischen Lina und Inspektor Brauentreiber fiel eine kleine Statue. Ein fast nackter Mann mit einem Bart, Weintrauben, einem Becher und einem Stab in der Hand lag nun zwischen Eddies Werkzeugen. Lina kippte mit einem kleinen Seufzer um und Inspektor Brauentreiber ließ resigniert sein Tablet sinken. „Oh nein, es geht wieder los!“


Teil 3

Neue Freunde und alte Rezepte

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Eddie atmete tief ein und aus. Nein, er hatte keine Lust, die Augen zu öffnen. Es war offensichtlich schon wieder passiert, er war durch die Zeit gefallen und irgendwo gelandet. Gerade hatte er endlich ein Stück Brot ergattert und sich  an den Gedanken gewöhnt, noch einige Zeit mit Nebra und ihrem Vater zu verbringen. Jetzt war er wieder irgendwo bzw. irgendwann gelandet. Abgesehen davon, dass er mittlerweile sein Magen knurrte wie ein wildes Tier, fühlte er sich in Ordnung. Passiert war ihm bei seiner neuerlichen Reise nichts. Er atmete nochmals tief ein und aus … War das Gebäck, das er da roch? Er schnupperte – ja, das war etwas Gebackenes, etwas Süßes etwas Essbares. Außerdem roch er noch mehr. Er erkannte den Geruch von Fisch, von Käse, von irgendetwas Säuerlichem und von Blumen. Also gut, dachte er – es hilft ja nichts. Er zählte innerlich bis drei – ein, zwei, drei – und schlug die Augen auf. Er war alleine. Er blickte nach rechts, nach links und geradeaus. Offensichtlich war er in einer Ecke zwischen zwei Gebäuden gelandet. Neben ihm plätscherte ein Brunnen und in der Wand, an der er gelegen hatte, standen in kleinen Nischen Statuen von in Tücher gewickelten Menschen, die alle irgendetwas in der Hand hielten. In einer der Nischen stand sein Toaster und glänzte unschuldig vor sich hin. Eddie rappelte sich auf, blickte sich kurz um und gab dem Toaster einen heftigen  Stoß, „Blödes Ding“, maulte er ihn an. „Hättest du mich nicht einfach wieder Heim bringen können?“ Der Toaster gab ein leises Jaulen von sich. Einen Moment dachte Eddie, dass es schon wieder losginge, schnappte sich den Toaster und kniff die Augen zusammen. Aber nichts passierte. Der Toaster vibrierte ein wenig, dann war Ruhe. „Ach ist ja gut – war nicht so gemeint.“ Eddie tätschelte den Toaster, der etwas wärmer zu werden schien. „Das darf doch nicht wahr sein“, dachte er bei sich. „Ich tröste gerade ein Haushaltsgerät.“* Dann sah er sich nochmals um, fasste einen Entschluss und ging in Richtung des nahrhaften Geruchs los.

* Auszug aus der Bedienungsanleitung von Eddies Toaster: So berichtete der zurückgekehrte Wurmel Gründbein, dass sich im Laufe der Zeit eine emotionale Bindung zwischen ihm und dem Toaster gebildet habe. So habe der der Toaster sehr direkt darauf reagiert, wie er ihn behandelt habe. Weitere Details wollte der Zeitreisende nicht verraten. Wir empfehlen ihnen jedoch dringend im Falle einer unfreiwilligen Zeitreise, ihren Toaster zu ihrer eigenen Sicherheit nicht zu beschimpfen.

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Eddie bog um die Hausecke und blieb wie angewurzelt stehen. Er war mitten in einer Stadt gelandet. Auf der Straße, die an dem kleinen Hof, in dem er gelandet war, vorbeiführte, drängten sich jede Menge Menschen. Alle waren beschäftigt, viele trugen Säcke, große Gefäße aus Ton oder sonst irgendetwas. Auch Pferde waren zu sehen. Manche zogen Karren, manche trugen Reiter und manche hatten Lasten auf dem Rücken. Eddie starrte mit offenem Mund auf das Gewühl. „He, Junge, steh nicht im Weg herum, es gibt Menschen, die müssen hier durch.“ Eddie fuhr herum. Hinter ihm stand eine kleine, kräftige Frau mit mehreren Körben. Als sie sein erschrockenes Gesicht sah, grinste sie gutmütig. „Nana, kein Grund zu erschrecken. Lucia hat noch keinen gefressen. Bis jetzt jedenfalls.“ Sie ließ ihre weißen Zähne zweimal aufeinander klacken und stellte ihre Körbe ab. Eddie starrte sie an. „Ist alles in Ordnung, Junge? Du siehst verwirrt aus …“ Eddie starrte sie an. „Kannst du nicht sprechen? Wie dem auch sei – du musst mir aus dem Weg gehen. Mit den schweren Körben komme ich sonst nicht durch.“ Eddie starrte sie an. „Nun hör auf so dumm zu schauen. Hilf mir lieber die Körbe tragen, dann bekommst du auch eine Belohnung.“ Eddie starrte sie an. Dann nickte er und griff nach zwei der Körbe. Einer war voller Gebäck, der andere war mit einem Tuch abgedeckt, roch aber verdächtig nach Käse. Eddies Magen knurrte. Lucia lachte, nahm ihre Körbe auf und setzte sich in Bewegung. „Na dann los, du kleiner Held. Zumindest deinem Magen scheint es je nicht die Sprache verschlagen zu haben.“

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Eine knappe Stunde später saß Eddie im Innenhof von Lucias Haus, staunte über das große Wasserbecken und den plätschernden Brunnen und kaute – endlich – an einem Stück süßem Fladen. Nachdem er seinen ersten Schreck überwunden hatte, hatte er sich auf dem Weg durch die große Stadt mit Lucia unterhalten. Sie führte, so erzählte sie ihm, ein kleines, aber feines Gasthaus ganz in der Nähe der Thermen. Eine ihre Spezialitäten war Moretum. „Du denkst jetzt bestimmt, dass da ja wohl nichts Besonderes ist.“, hatte sie gesagt. „Aber glaube mir, so wie ich es mache, ist es das. Das Rezept stammt noch von meiner Großmutter und ich mache daraus kleine Kugeln – die meisten anderen sparen sich das hier in der Stadt.“ Eddie hatte sie verständnislos angesehen. „Jetzt starrst du schon wieder – sag mir nicht, dass deine Mutter nicht auch Moretum macht.“ Eddie hatte all seinen Mut zusammengenommen und begonnen zu erzählen, dass er nicht aus der Stadt sei und auch gar nicht so ganz aus der Gegend und dass er nicht wisse was Moretum sei. Daraufhin hatte Lucia ihn lange angesehen. „Du weißt nicht, wo du hinsollst, richtig?“ hatte die dann nur gefragt und Eddie hatte genickt. Nun saß er da, kaute mit vollen Backen und suchte in seinem Gedächtnis nach Antworten. Er war irgendwie im alten Rom oder so gelandet. Soviel war ihm beim Spaziergang durch die Stadt klar geworden. Die Menschen trugen verschiedenfarbige Gewänder, die meist aus einem Unterkleid und einem großen Tuch bestanden, das auf unterschiedliche Art und Weise um die Körper geschlungen und festgebunden war. Sie waren an einigen Tempeln und an einem großen von Säulen umgebenen Platz vorbeigekommen und Eddie hatte einige der Statuen, die immer wieder herumstanden als römische Götter identifiziert. Aber in Rom war er nicht. Er hatte in seinen Geschichtsunterlagen Bilder der Stadt gesehen und das hier war definitiv nicht Rom. Wo war er nur? 

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„Bist du fertig? Können wir loslegen?“ Lucia riss ihn aus seinen Gedanken. „Klar, ähhh ich bin startklar.“, entgegnete Eddie und stand auf. „Dann ab in Küche, kleiner Helfer – das Moretum macht sich nicht von alleine und heute Abend erwarte ich jede Menge Gäste. Das Bad in der Therme* macht hungrig.“ Eddie folgte Lucia, die einen seltsamen Rahmen mit verschiedenen Kugeln an Stäben darin mit sich trug, in die Küche. Der Raum war erstaunlich klein. An einer Seite sah er einen gemauerte Feuerstelle, auf der mehrere Gefäße standen in denen etwas vor sich hinkochte und über der ein großer Kessel hing. An den anderen Raumseiten standen Tische mit allerlei Kochzubehör und an einem dieser Tische stand ein junger Mann und schälte einen riesigen Berg Nüsse. „Das ist Germanicus**, mein Haussklave. Germanicus, das ist Eddie.“, stellte Lucia die beiden einander vor. „Bitte bereitet zusammen das Moretum vor, ich muss noch einige Berechnungen anstellen.“, sie wedelte mit dem komischen Rahmen und verschwand. „Ähhh … Hallo“, sagte Eddie und starrte Germanicus an. Er war vielleicht drei Jahre älter als Eddie, recht groß gewachsen und sah recht zufrieden aus, was Eddie verwirrte. „Salve“, sagte Germanicus, lächelte Eddie an und stellte einen der Körbe, die Eddie hergetragen hatte auf einen der Tische. „Dann wollen wir mal. Es wäre nicht schön, wenn die Herrin heute Abend ihre berühmte Spezialität nicht anbieten kann.“ Er stellte eine Tonschale, die innen ganz rau aussah*** auf den Tisch, griff sich aus dem Korb einen Knoblauch und begann ihn zu schälen. „Fang du doch damit an, die Kräuter zu schneiden, wenn du mich genug angesehen hast.“, schlug er vor. Eddie riss sich zusammen und nahm sich feste vor, nicht immer so zu starren. Einige Zeit arbeiteten die beiden Jungen einvernehmlich nebeneinander. Knoblauch und Kräuter wurden kleingehackt, in die raue Schale geworfen und mit Käse, Öl und noch einigen Zutaten vermischt. Dann griff Germanicus zu einem Stößel und begann alles zu einer Paste zu vermanschen. „Ist es schlimm, ein Sklave zu sein?“, platzte es aus Eddie schließlich heraus.

* Lust auf einen Ausflug? In Weißenburg kann man eine römische Therme und andere römische Attraktionen besichtigen: www.weissenburg.de/sehenswertes/roemische_thermen_weissenburg-1862/

** Schon gewusst? Sklaven im alten Rom bzw. im römischen Reich wurden oft einfach nach der Gegend aus der sie stammten benannt.

*** Wissen für Angeber: Diese Schüsseln hießen Mortarium und ist der Grund, warum die Käsepaste Moretum heißt. Diese antiken Mörser waren aus Ton und hatten eine durch Sand, kleine Steine oder Rillen angeraute Innenseite, so dass man Lebensmittel leichter zerreiben konnte.

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Germanicus ließ den Mörser sinken und starrte nun seinerseits Eddie an. „Wie meinst du das?“, fragte er. „Wenn deine Frage ist, ob meine Herrin eine gute Herrin ist, dann kann ich dir ganz klar mit ja antworten. Ich lebe in diesem Haus seit ich ein kleiner Junge bin. Mir geht es gut und es fehlt mir an nichts. Wenn du wissen willst, ob ich gerne frei wäre – ja, klar. Aber ich weiß ja, dass ich in einigen Jahren freigelassen werde.“, er schwieg einen kurzen Moment. „Nur in den letzten Tagen, da wünschte ich mir, ich könnte gehen wohin ich will. Ich habe ein ganz blödes Gefühl hier in der Stadt.“ „Ein blödes Gefühl?“, frage Eddie und kam sich – mal wieder – ziemlich doof vor. „Nun ja, etliche der Bürger haben Pompeji schon verlassen.“, meinte Germanicus und begann heftiger als nötig wieder in der Käsepaste zu rühren. „Weißt du, vor über 10 Jahren gab es hier schon einmal ein schlimmes Erdbeben. Und seit einigen Tagen geht es wieder los.“ Er blickte traurig auf die Käsepaste, legte den Mörser weg und bedeutete Eddie ihm zu helfen. Während sie gemeinsam begannen, kleine Kugeln zu drehen, erzählte er weiter. „Noch versuchen wir alle, so zu tun, als wäre alles normal. Aber irgendwie liegt etwas in der Luft. Einige Straßen weiter ist die Wasserleitung in einigen der Häuser gerissen. Aurelia – die wohnt dort – war völlig aufgelöst.“ „Wasserleitungen?“, fragte Eddie „Du meinst, hier gibt es Wasserleitungen?“, und noch während er dies fragte und sich ein Teil seines Gehirns auch wirklich dafür interessierte, versuchte ein anderer Teil seines Gehirns ihm dringend etwas zu sagen. Pompeji … Pompeji … irgendetwas war da doch gewesen… „Klar haben wir Wasserleitungen. Sogar hier im Haus. Hast du den Brunnen im Atrium nicht gesehen. Was meinst du denn, wo der sein Wasser herbekommt. Es gibt eine Leitung aus Blei – direkt vom Aquädukt bis zu unserem Brunnen!“, erklärte er stolz und legte das letzte Käsebällchen auf die Platte. „So, das war es.“ Die süßen Sesamfladen für heute Abend mache ich alleine. Geh und frage Lucia, ob du ihr noch etwas helfen kannst. Vielleicht zeigt sie dir ja auch, wie sie mit ihrem Abakus rechnen kann.“ Mit diesen Worten nahm Germanicus den Teller mit den Käsebällchen, steckte Eddie eines davon zu, drehte sich um und verließ die Küche. Eddie starrte ihm hinterher, schüttelte sich dann und dachte zum x-ten Mal an diesem Tag „Ich muss wirklich aufhören, immer so zu starren!“

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Lucia hatte ihm angeboten, eine Weile bei ihr zu bleiben und sich seinen Aufenthalt mit Hilfe in ihrer Taverne zu verdienen, als er wieder ins Atrium gekommen war. „Ich hatte schon immer ein Herz für Streuner.“, hatte sie gegrinst und ihm dann bis zum Abend freigegeben. Nun stand Eddie auf der breiten Straße, durch die in einem Kanal offensichtlich das Abwasser lief und starrte in den Himmel. In einiger Entfernung ragte ein großer Berg empor. Ein sanfter Wind wehte ihm ins Gesicht und brachte den Geruch von Meer mit sich. Salzig, ein wenig nach Fisch und … naja, eben nach Meer. Eddie dachte an den letzten Urlaub, den er mit seiner Mama am Strand verbracht hatte und seufzte. Wie lange war er jetzt schon weg? Und wie wollte er wieder heimkommen? Er blickte auf den Toaster, den er unter dem Arm hatte und murmelte „Du könntest auch mal was nützliches machen, du Depp!“ Prompt gab der Toaster wieder ein Geräusch von sich. Diesmal eine Art Quieken. „Jaja, ist ja gut. Du willst wahrscheinlich auch nach Hause zu deiner Steckdose, ich versteh schon.“, grummelte er etwas versöhnlicher und ließ seinen Blick schweifen. Was war es, das ihm nicht einfiel, woran sein Hirn aber immer noch ganz verzweifelt versuchte, ihn zu erinnern. Pompeji … 

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Pompeji! Eddie schnappte nach Luft. Der Berg! Der Vesuv! Der Vulkan! Erdbeben … Es würde einen Vulkanausbruch geben, der die ganze Stadt verschütten würde. Das war es, was sein Hirn ihm sagen wollte. Vor einigen Jahren war er mit seiner Mama sogar hier gewesen! Genau hier. Sie hatten sich die Ruinen der Stadt angesehen und die – Eddie schauderte – Gipsabdrücke von Menschen und Tieren, die bei dem Unglück ums Leben gekommen waren.* Er hatte sich nur nicht mehr so gut daran erinnert, weil ich damals keinen Hut aufhatte und sich einen heftigen Sonnenstich geholt hatte. Aber nun fiel ihm alles wieder ein. Er musste Lucia und Germanicus warnen. Sie mussten die Stadt verlassen. Jetzt. Sofort. Er drehte sich um und zupfte einen vorbeischreitenden Mann an seiner Toga. „Verzeihung, welches Datum haben wir?“, fragte er „Den 23. Augustus, junger Herr“, antwortete der alte Mann und ging einfach weiter. Eddie starrte ihm hinter. Nur noch ein Tag – denn daran erinnerte er sich genau. Die Stadt war am 24. August, am Geburtstag seiner Mama, untergegangen.** Er rannte los.

„Lucia!  Lucia! Lucia“, Eddie stürmte in Lucias Villa und prallte gegen Germanicus, der gerade einen Korb voller duftender süßer Fladen auf einen niedrigen Tisch stellen wollte. „Germuin, äh, Germma, äh Germinu, ähh …“, stammelte Eddie „Ganz ruhig! Was ist denn passiert?“, wollte Germanicus wissen, der sich nur schwer das Lachen verkneifen konnte. „Dein komisches Gefühl! Ich bin mir sicher, dass es richtig ist. Wir müssen weg! Es wird etwas Schlimmes passieren!“, sprudelte Eddie heraus und wedelt dabei mit seinem Toaster. „Der Berg, er wird explodieren und alles kaputt machen und ich will nicht euch als Gipsabdruck gesehen haben!“ Nun starte Germanicus Eddie an. „Hä?“ Jetzt komm schon, mach was!“, Eddie wurde immer lauter. „Was ist denn hier los?“, Lucia kam aus einem der Zimmer. Sie hatte sich umgezogen und ihre langen Haare zu einem eleganten Gebilde auf ihrem Kopf zusammengesteckt. „Eddie, was ist los?“, fragte sie und blickte ihn ruhig an. Eddie blickte ihr direkt in die Augen, nahm all seinen Mut zusammen und hob den Toaster hoch, so dass sie ihn gut sehen konnte. „Ich weiß, dass wir hier wegmüssen. Weg aus der Stadt, jetzt, sofort. Sonst wird uns etwas Schreckliches passieren.“ Er bemühte sich, ruhig und ernst zu klingen und murmelte dann noch in Richtung seines Toasters „Bitte, wir wollen doch beide wieder heim!“, ohne dass er gewusst hätte, warum er das sagte. Der Toaster fühlte sich plötzlich wieder ein wenig wärmer an und Eddie meinte zu sehen, dass er stärker glänzte. Im gleichen Moment begann die Erde zu beben. Lucia blickte Eddie an, blickte den Toaster an, blickte Eddie an und sagte dann knapp: „Germanicus, packe Proviant und das Nötigste zusammen. Wir verlassen die Stadt.“

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Zwei lange Stunden später saß Eddie gemeinsam mit Lucia und Germanicus auf einem Pferdekarren, der sich bereits ein gutes Stück außerhalb Pompejis auf einer gepflasterten Straße in Richtung Osten bewegte. „Ich weiß nicht warum ich dir glaube, kleiner Mann, “, sagte Lucia nachdenklich. „Aber ich glaube dir. Wir fahren zu meiner Schwester, die weiter im Landesinneren lebt. Die wollte ich schon lange besuchen und die Gäste heute Abend werden es verschmerzen, wenn sie einmal keine Käsebällchen bekommen.“ Sie lächelte und reichte Eddie eine Serviette mit einigen Käsebällchen, einem Stück Fladenbrot und einer Art Pfannkuchen. „Jetzt stärken erst einmal wir uns!“ Eddie konnte es noch immer nicht glauben, dass sie es aus der Stadt geschafft hatten. Er dachte an zu Hause, sein Bett, seine Mama und daran, dass der Toaster ihm vielleicht tatsächlich geholfen hatte. „Danke dir!“, flüsterte er dem Toaster zu. „Möchtest du vielleicht ein Stück Brot?“ Ohne weiter nachzudenken, steckte er ein Stückchen des Pfannkuchens in den Toaster. Und es passierte wieder. Jaulen, Quietschen, Piepsen und Brummen. Das Gefühl, sich immer schneller zu bewegen – und zwar gleichzeitig vorwärts und rückwärts. Farben, Drehen, Schwindel, Schweben im Nirgendwo. Eddie rief noch „Lucia!“, griff ins Leere, drehte sich und schwebte im Nichts. 

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Lina, Eddies Mutter, und Inspektor Brauentreiber unterbrachen ihr Gespräch und starrten sich an. Eben hatte der Inspektor begonnen, die aufgelöste Lina über den Wurmel Gründbein Fall aufzuklären, als mitten im Zimmer ein kleiner bunter Lichtblitz auftauchte. Aus sehr weiter Ferne hörten sie Jaulen, Quietschen, Piepsen, Brummen und … eine Stimme. Lina schniefte, blickte den Inspektor an und beide sagen wie aus einem Mund „Wer ist Lucia?!“


Teil 4

Zwiebelkuchen und Zahnräder

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Eddie schlief tief und fest. Er lag auf der Seite, den Toaster in seinen Armen, und durch seine Träume tanzten Nebra, Ledro, Germanicus, Lucia und … seine Mama. Mit einer ihrer selbstgehäkelten Mützen saß sie vor ihm, grinste ihn an, biss in eines ihrer getoasteten Vierecke und sagte mit vollem Mund: „Dapf ift aber ein komispher Traum, mein Spfatz.“ Dann schluckte sie und fuhr fort: „Weißt mein Großer, du machst das alles ganz toll. Sei nicht verzweifelt – du musst dem Toaster geben, was er braucht, um sich daran zu erinnern, wie er zurückkommt.“ Dann steckte sie sich wieder einen Bissen in den Mund und sagte noch „Wenn du heimkommpfst, dann koch ich dir wapf pfönes“. Dann machte es plopp, plopp, plopp und alle Traumfiguren waren wie Seifenblasen verschwunden.  Eddie grunzte und drehte sich auf die andere Seite. Er war müde. Er hatte seit – ja, seit wann eigentlich – nicht mehr ausgeschlafen, geschwiege denn in einem Bett gelegen. Er hatte Heimweh, schlechte Laune und irgendwie war es doch verdammt unbequem, wo er lag. Genervt setzte er sich auf: „Ja, ganz toll, super. Und wo bin ich jetzt wieder gelandet? Geht hier auch die Welt unter oder was?!“ schimpfte er vor sich hin. „Du bist ein gutes Stück vor der Stadt.“, hörte er plötzlich eine helle Stimme und erschrak schrecklich. „Da drüben geht es zur Mühle, in der anderen Richtung liegen die Steinbrüche, die Welt geht eher nicht unter, denn das Wetter und die Ernten sind dieses Jahr gut, ich bin Elsbeth, das ist mein Bruder Martin und du bist komisch und unfreundlich. Bist du ein Vagabund?“ Eddie starrte.

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Vor ihm standen zwei Kinder, die um einiges jünger waren als er. Beide trugen dunkle Kleidung aus grobem Stoff und hatten große Bündel mit Reisig bei sich. Auch sie starrten. Elsbeth gab sich große Mühe, sehr erwachsen zu wirken, konnte ihre Neugierde jedoch kaum verbergen. Martin  stand daneben, bohrte mit seinem nackten großen Zeh im feuchten Waldboden und mit einem seiner Finder hingebungsvoll in seiner Nase. Ihm war es offensichtlich egal, ob er erwachsen wirkte oder nicht. „Mein Name ist Eddie.“, sagte Eddie. Dann riss er sich zusammen und fügte hinzu: „Wenn du mir erklärst, was ein Vagabund ist, dann sage ich dir, ob ich einer bin.“ „Na, einer von den fahrenden Leuten. Mein Vater hat gesagt, dass die sicher nicht lange auf sich warten lassen, wo doch der Jockel und die Margarethe am Sonntag heiraten. Kannst du jonglieren?“ Eddie schüttelte den Kopf. „Nö – ich hab es mal versucht, aber irgendwie hab ich dafür zu viele Arme. Oder zu wenige. Außerdem nein – ich gehöre zu niemandem und bin ganz alleine unterwegs. Ich versuche nach Hause zu kommen und dazu muss ich das hier reparieren.“ Während er all das erklärte, stand Eddie langsam auf, dehnte sich, hob den Toaster auf sah sich ein wenig um. Er stand im Wald. Es war ein dichter Wald mit vielen verschiedenen Bäumen, von denen er einige aus dem Biologieunterricht kannte, mit verschiedenen Farnen und anderem Gewächs. Offensichtlich war er etwa 15 Meter neben einem Waldweg gelandet und zwar genau da, wo die beiden Kleinen Holz sammelten. „Könnt ihr mir sagen, wo ich vielleicht jemanden finde, der mir helfen kann?“ 

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Martin starrte immer noch Eddie an. Dann zog er seinen Finger aus der Nase, begutachtete seine Beute, wischte den Finger an seinem Kittel ab, schniefte und meinte dann knapp: „Komm mit, der Vater kennt sich mit mechanischen Dingen aus.“ Dann drehte er sich um, schnappte sich sein Reisigbündel und lief los. Eddie und Elsbeth starrten sich gegenseitig an, dann zuckten sie mit den Schultern und liefen Martin hinterher.

Durch den Wald ging es, dann ein Stück den Weg entlang, über eine Brücke und schon standen die drei vor der Mühle, die Elsbeth vorhin erwähnt hatte. Ihnen entgegen kam ein Bauer mit einer Schubkarre, auf der ein Sack lag. Der junge Mann schimpfte lauthals, blickte über seine Schulter zurück zur Mühle und grollte „Halsabschneider, verfluchter!“. Dann warf er den drei Kindern einen wütenden Blick zu und ging weiter. „Das ist der Jockel.“, erklärte Elsbeth. „Der ist sicher sauer, weil mein Vater seinen Anteil haben wollte und ihm das nicht zur Hochzeit geschenkt hat. Aber wir brauchen doch auch was zum Leben und wenn der Herr das herausfinden würde, gäbe es sowieso mächtig Ärger.“*„Dein Vater ist Müller?“, fragte Eddie „Wow – euch gehört eine ganze Mühle?“ „Nein. Die gehört dem Herrn.“, sagte Martin knapp. Aber unser Vater ist der beste Mühlenknecht, den es gibt. Und jetzt komm.“ Wieder lief er einfach los – diesmal jedoch nicht ohne weiterzureden. „Ich werde auch mal in der Mühle arbeiten. Aber die Elsbeth, die muss halt hübsch werden, dann heiratet sie vielleicht einer.“ Er grinste, blickte Eddie direkt an und zog vielsagend eine Augenbraue hoch: „Je eher, desto besser.“**

* Schon gewusst? „Für das Mahlen wurde entweder der Mahlgroschen bezahlt, in der Regel aber behielt der Müller eine bestimmte Menge Mehl ein, Molter, Malte oder auch Metze genannt. Davon lieferte er den größten Teil an den Landesherrn ab, einen Teil behielt er als Mahllohn für sich. Diese Regel, so einfach sie scheint, so verhängnisvoll war sie für den Ruf des Müllers. Jahrhundertelang galt der Müller als "der größte Dieb im ganzen Land", weit vor den Webern und Schneidern, die auch im Verdacht standen, mit dem ihnen anvertrauten Garn und Tuch nicht ehrlich umzugehen. Denn Groll und Wut des Bauern, der mit seinem Korn zur Mühle ging und nach seiner Meinung immer mit zu wenig Mehl nach Hause kam, richteten sich nicht gegen den Landesherrn, der ihn eigentlich schröpfte, sondern gegen den Müller, von dem er sich übervorteilt fühlte.“ (Quelle: www.welt.de/print-welt/article302464/Einst-galt-der-Mueller-als-groesster-Dieb-im-Land.html)

** Harte Sitten: Müllerstöchter galten – weil Müller ein ehrloser Beruf war – nicht als „ehrbare Dirne“. „Noch im Jahre 1686 drohten in Hamburg die Reepschläger (Seiler) einem ihrer Meister, der eine Müllerstochter zur Frau nehmen wollte, den Ausschluss aus ihrer Zunft an. Der Meister rief den Rat der Stadt an. Und der erkannte - ganz fortschrittlich - diesen Teil der Zunftsatzung als nicht rechtsverbindlich und ordnete die "Zulassung" der Müllerstochter an. Noch 1652 gab es im Herzogtum Braunschweig die Anweisung, den neu geborenen Müllerskindern die "Unehrlichkeit" in den Taufschein einzutragen.“ (Quelle: www.welt.de/print-welt/article302464/Einst-galt-der-Mueller-als-groesster-Dieb-im-Land.html)

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Eine halbe Stunde später stand Eddie hinter der klappernden Mühle *, starrte die Kuh an, die dort graste und überlegte. Wilhelm, der Müller, ein großer, kräftiger Mann, hatte ihn kurz gemustert und dann gebrummt, es gäbe keine Almosen ohne Gegenleistung und dass er gefälligst die Kuh melken solle. Dann könne er mitessen und eine Nacht bleiben. Dann hatte er sich umgedreht und war in die Mühle zurückgegangen. Martin war seinem Vater grinsend gefolgt und Elsbeth hatte Eddie mit hochrotem Kopf angesehen und irgendetwas gemurmelt, dass die Kuh ein blödes Vieh sei und immer treten würde. Dann war sie ebenfalls ins Haus gehuscht. Nun stand Eddie da, vor sich eine Kuh, in der Hand einen Eimer und im Kopf völlige Leere. Wie sollte er denn um alles in der Welt die Milch aus dieser Kuh herausbringen? Zu Hause hatte er immer wieder einmal Kuhmilch getrunken – ebenso wie Mandelmilch und andere Pflanzenmilch. Aber er hatte nicht die geringste Idee, wie aus einer Mandel Milch kommen sollte – geschweige denn, wie sie aus einer Kuh kommen sollte. Er kämpfte mit sich selbst, denn Eddie spürte, wie ihm ganz heiß wurde, sich ein dicker Kloß in seinem Hals bildete und ein paar Tränen versuchten, ihm aus den Augen zu krabbeln.

*Lust auf einen Ausflug? In der Nähe unsere Zeltplatzes Bucher Berg gibt es ein Mühlenmuseum: http://www.altmuehltalermuehle.de/

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„Na, du siehst aber recht verzweifelt aus.“, riss ihn eine Stimme aus seinem innerlichen Kampf. Er konnte hören, dass die Frau, die zu dieser Stimme gehörte, lächelte. „Hmmpppffff…“, war allerdings alles, was er gerade herausbrachte. „Ich verstehe.“, hörte er. „Lass dir von mir einen Vorschlag machen. Du schneidest mir die Zwiebeln und ich übernehme das Melken. Mein Mann braucht davon nichts zu erfahren. Was meinst du?“ Eddie drehte sich langsam um und nickte. Vor ihm stand offensichtlich die Mutter von Elsbeth und Martin. Sie hatte ein ähnliches Kleid an, wie Elsbeth, hatte die gleiche Haarfarbe, die gleichen dunklen Augen und sah insgesamt einfach wie eine größere Version von Elsbeth aus. Mit dem Unterschied, dass sie offensichtlich hochschwanger war. „Hier sind die Zwiebeln. Hast du ein eigenes Messer?“ Eddie schüttelte den Kopf – immer noch gegen die Tränen kämpfend. „Dann nimm das hier. Setz dich dort drüben hin und leiste mir Gesellschaft.“ Gesagt, getan. Während Eddie sich in einer Ecke alle Mühe gab, die Zwiebeln in Ringe zu schneiden, beobachtete er die Frau. Die nahm sich einen kleinen Schemel, stellte den Eimer unter die Kuh, setzte sich davor und drückte an einem fleischigen Sack, der am Bauch der Kuh hing, herum. Und siehe da, heraus kam Milch. Eddie schniefte. Die Zwiebel brannten in seinen Augen und die blöden Tränen, die die ganze Zeit schon darauf gelauert hatten, rauszukommen, ließen sich nicht mehr aufhalten. „Denk dir nichts, Junge.“, lächelte die Stimme wieder, „mir kommen beim Zwiebelschneiden auch immer die Tränen – da muss man sich nicht schämen. Mein Mann hat mal gesagt ‚Agnes, nur beim Zwiebelschneiden ist es ok, wenn du weinst. Ansonsten sollst du keinen Grund dazu haben.‘, ist das nicht nett?“ Eddie schniefte. „Mach dir keine Sorgen, wenn Wilhelm recht grob zu dir war. Er hatte sich nur geärgert. Martin hat mir erzählt, dass du Hilfe bei einer Reparatur brauchst. Da lässt sich sicher etwas machen. Später gibt es Zwiebelkuchen, danach hat er sicher gute Laune.“ 

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Bevor der Zwiebelkuchen auf dem Tisch stand, gab es jedoch noch allerhand zu tun. Eddie half Agnes dabei, Speck zu schneiden, einen Teig anzurühren, er holte einen sehr stinkigen Käse aus einer Vorratskammer und fegte den Boden im Wohnraum der Mühle, in dem auch die Feuer- und Kochstelle zu finden waren. Nebenbei tätschelte er immer wieder den Toaster, den er in einer Ecke gestellt hatte. Als er einmal im Vorübergehen zu ihm sagte „Das bekommen wir schon hin.“, glaubte er so etwas wie ein Schnurren zu hören. Doch das konnte auch die dicke Katze gewesen sein, die sich in der Nähe der Kochstelle herumtrieb und auf ihren Anteil an der Milch hoffte. Agnes hatte Eddie in ihrer ruhigen, immer lächelnden Art erzählt, dass es heute quasi ein Festessen gäbe. Die Vorbereitungen für die Hochzeit am nächsten Tag würden zwar viel Arbeit machen, aber sich auch ein bisschen lohnen, da die eine oder andere Leckerei, wie ein Stück Speck dann doch für sie abfielen. „Weißt du, Müller oder Mühlenknechte sind nicht so besonders beliebt. Oft glauben die Bauern, dass wir uns einen größeren Anteil an dem Mahlgut nehmen, als es rechtens ist. Aber mein Wilhelm macht das nicht – er kann aber auch nicht weniger nehmen, denn wir müssen unserem Herrn, dem die Mühle gehört, Rechenschaft ablegen. Dennoch werden die Bauern oft mal böse auf ihn. Doch in den meisten Fällen hilft es, wenn ich am Sonntag nach der Kirche mit ihnen rede. Dann beruhigen sie sich. Naja, und ab und an, wenn sie dann ganz gute Laune haben und es etwas zu feiern gibt, dann bestellen sie bei mir Zwiebelkuchen oder etwas ähnliches und geben mir ein wenig mehr Speck oder Käse oder so, dass ich dann für uns verwenden darf. Denn zu den Festen eingeladen werden wir fast nie.“ Agnes lächelte ein wenig trauriger als zuvor, wischte sich dann aber die Hände an der Schürze ab, schüttelte sich wie ein kleiner Hund und war wieder ganz die Alte. „Es ist gleich Zeit zu Essen, bitte hol doch Wilhelm und die Zwillinge.“ 

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Der Zwiebelkuchen schmeckte ausgezeichnet. Besonders Wilhelm wurde im Sekundentakt fröhlicher. Nach dem Essen lehnte er sich zurück, ließ die Knochen in seinem Rücken knacken und blickte Eddie lange an. „Soso, du bist also kein Vagabund, treibst dich aber alleine in der Weltgeschichte herum. Du hast etwas, das repariert werden muss, besitzt kein eigenes Messer, hast offensichtlich noch nie eine Kuh gemolken, bist dir aber nicht zu schade, den Weibern bei der Hausarbeit zu helfen – und dass obwohl du schon fast heiraten könntest. Was soll ich davon halten?“ „Woher …“ begann Eddie, doch Wilhelm unterbrach ihn. „Weil dies mein Haus ist. Ich weiß immer, was in meinem Haus vor sich geht und ich überlege gewissenhaft, wem ich Einlass und einen Platz an meinem Tisch gewähre. Du hast mich neugierig gemacht.“ Eddie starrte Wilhelm an. Wilhelm starrte Eddie an und alle anderen starrten Wilhelm und Eddie an. „Na toll, “, dachte Eddie, „das Gestarre wird irgendwie nie weniger.“ Dann seufzte er, nahm seinen Toaster auf den Schoß und versuchte zu erklären: „Ich weiß nicht, was passiert ist und wie ich das alles erklären soll. Ich will einfach nur zurück zu meiner Mutter und zu meinem alten Leben. Irgendwie ist alles durcheinandergeraten und wenn ich dies hier nicht in Ordnung bringe, dann weiß ich nicht, was ich machen soll!“ Während er redete – und er merkte selbst, dass er Unsinn redete und keine sinnvolle Erklärung von sich gab, kraulte er geistesabwesend den Toaster. Dieser wurde wärmer und wärmer, gab ein immer lauter werdendes Schnurren von sich und als Eddie zu Ende geredet hatte, machte er ganz leise „Puff“ und der Raum wurde für einen kleinen Moment ein Stück heller.  „Nun, wenn das so ist, junger Herr, dann werde ich dir natürlich mit Freuden helfen!“, hörte Eddie zu seinem Erstaunen aus Wilhelms Mund.*

*Auszug aus der Bedienungsanleitung von Eddies Toaster:  Auch wenn Wurmel Gründbein bezüglich der Empfindlichkeit seines Toasters keine weiteren Details verraten wollte, ist uns zu Ohren gekommen, dass er einmal angemerkt hätte, der Toaster sei „recht verschmust“ und hätte an einigen Stellen, wenn er „sehr gut gelaunt“ war, irgendwie positiven Einfluss auf das Geschehen um Gründbein herum gehabt. Ohne dass dies als gesicherte Erkenntnis gelten kann, liegt es bei Ihnen, ob Sie im Falle einer unfreiwilligen Zeitreise, ihrem Toaster entsprechend Streicheleinheiten zukommen lassen wollen. Unser Rat: Einen Versuch ist es wert – sie brauchen es ja niemandem zu verraten. 

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Wilhelm und Eddie standen in Wilhelms Werkstatt. Dort, so erklärte Wilhelm ihm, würde er alles bauen, was nötig war, um die Mühle in Stand zu halten. „Stell das mal hier hin.“ Wilhelm deutete mit dem Kinn erst auf den Toaster, den Eddie unter dem Arm trug, und dann auf seinen Arbeitstisch. „Lass mich mal sehen…“ Leise brummelnd untersuchte er den Toaster. Er hob die Augenbrauen, zog eine Schnute, kratzte sich am Kopf und meine schließlich: „Es fehlt ein Zahnrad. Ohne Zahnräder kann die Mühle auch nicht funktionieren. Ich sehe hier kein Zahnrad – also muss es daran liegen.“ Dann drückte er Eddie einige Werkzeuge und eine Scheibe aus Holz in die Hand, erlaubte ihm, hier in der Werkstatt zu arbeiten und verabschiedete sich ins Bett. „Morgen ist ein großer Tag, denn wir sind tatsächlich zur Hochzeit von Jockel und Margarethe eingeladen, auch wenn er heute Nachmittag so garstig war. Wenn du magst, kannst du uns begleiten.“ Sprachs und verschwand. 

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Ein Zahnrad zu schnitzen war schwieriger gewesen, als Eddie gedacht hatte. Eigentlich hatte er geglaubt, dass dies in wenigen Minuten erledigt sein müsste. Aus dem Unterricht wusste er, wie ein Zahnrad aussah – doch als er beginnen wollte, wurde ihm klar, dass es hier keine Ultraschallschraubenzieher oder ähnliche Werkzeuge gab, die ihrem Benutzer die meiste Arbeit abnahmen. Und so saß er schließlich die ganze Nacht lang da, schnitzte Splitter für Splitter, Spreißel für Spreißel, Zahn für Zahn, bis er endlich ein Zahnrad – nein SEIN Zahnrad aus Holz in Händen hielt. Als er aufsah, standen die Zwillinge vor ihm. „Kommst du mit uns zum Fest?“, frage Elsbeth schüchtern. „Ich finde es immer schön, eine Braut zu sehen.“, ergänzte sie und wurde wieder rot. „Ja klar findet sie das …“, grinste Martin und zog wieder eine Augenbraue hoch. Eddie tat so, als hätte er es nicht bemerkt. „Na logisch – ich bin gerade fertig geworden. Aber ist vielleicht noch Zeit, dass ich ein wenig schlafe?“ „Das ist ein ungewöhnlicher Wunsch, junger Herr.“, hörte er Agnes lächelnde Stimme. „Wir stehen mit den Hähnen auf und gehen mit den Hühnern ins Bett – dazwischen wird gearbeitet. Aber gut, leg dich hin und wir wecken dich, wenn wir zum Fest aufbrechen.“ Eddie streckte sich, gähnte und sah sich um. Dann entdeckte er in einer Ecke ein Lager aus Stroh, Fellen und Laken. Noch bevor er darüber nachdenken konnte, wer alles in diesem Bett schlief, fielen ihm die Augen zu.  

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Margarethe war eine reizende Braut. Mit einem Blumenkranz im Haar und einem Lächeln im Gesicht saß sie neben ihrem Jockel und beide freuten sich*. „Sie tut ihm gut.“, flüsterte Elsbeth Eddie zu. „Denn Margarethe hat es geschafft, dass sich auch der Jockel an ein paar Tischmanieren hält. Das ist nämlich nicht nur etwas für die edlen Herrschaften.“ Sie lächelte Eddie an und biss auffällig manierlich von ihrem Zwiebelkuchen ab. Eddie lächelte ebenfalls, denn er wusste nicht so recht, was er sonst tun sollte. Gemeinsam mit den Zwillingen saß er ein Stück abseits des Trubels in der Wiese und hatte seinen Toaster zwischen die Knie geklemmt. In einer Hand hielt er ein Stück Zwiebelkuchen, in der anderen sein Zahnrad. „Na, was davon willst du denn haben?“, flüsterte er dem Toaster zu und wackelte mit Zwiebelkuchen und Zahnrad, als ihn Martin mit dem Ellbogen anstieß. „Guck mal, guck mal, der Jockel ist besoffen.“ Doch da war es schon passiert. Das Zahnrad war in den Toasterschlitz gefallen. Eddie spürte ein ihm langsam nur allzu bekanntes Ziehen, das gleichzeitig nach vorne und nach hinten gerichtet war. Er wurde schneller, da waren wieder die Farben, das Drehen, der Schwindel, das Schweben im Nirgendwo. Und dann war es dunkel und still.

*Schon gewusst? „Das durchschnittliche Alter bei der Hochzeit lag bei beiden Partnern etwa bei 20 Jahren. (…) Waren die finanziellen Möglichkeiten gegeben, wurden die Bauernhochzeiten aufwendig und kostspielig gefeiert. Doch auch bei schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen war ein üppiges Mahl stets der Mittelpunkt der Festlichkeiten.“ Quelle: https://www.leben-im-mittelalter.net/wissenswertes/118-bauernhochzeiten.html

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Lina, Eddies Mutter, war nach einem langen Gespräch mit Inspektor Brauentreiber schließlich ins Bett gegangen. Im Arm hielt sie die Bedienungsanleitung von Eddies Toaster. Und während alles um sie herum dunkel und still war, murmelte sie: „Mein Großer – du findest sicher wieder heim. Ich warte auf dich und helfe dir – und wenn es nur in Gedanken ist!“