Begleite Eddie durch die Zeiten

Lehne dich zurück, entzünde das Lagerfeuer und erfahre, was Eddie auf seiner Reise durch die Zeit so passiert. Hier erscheinen nach und nach die Kapitel von Eddies verrückter Reise. Zusätzlich bekommst du, wenn du dich eingetragen hast, die Geschichte und die Sippenstundenimpulse auch per E-Mail geschickt. Du kannst die Geschichte in den Gruppenstunden vorlesen, sie deinen Sipplingen weitergeben oder einfach nacherzählen, wohin uns die Reise führt. Zusätzlich zu den Sippenstundenideen, die wir bereitstellen, sind im Text einzelne Wörter oder Passagen markiert, zu denen ebenfalls Sippenstunden möglich wären. 

Viel Spaß!

Disclaimer: Eddies Geschichte erhebt keinen Anspruch auf vollständige historische Korrektheit. Die einzelnen Episoden sollen ein grobes Bild der jeweiligen Zeit vermitteln und Spaß bereiten. 


Eddies verrückte Reise durch die Zeit

Eine Fortsetzungsgeschichte (c) VCP Land Bayern | Edith Wendler


Inhalt

Teil 1 - Ein Schulprojekt mit Folgen

Ein ganz normaler Junge | Seltsame Kochkünste | Ein Toaster der besonderen Art | Woher kommt dieser Stein?

Teil 2 - Verschollen in der Zeit 

Der Geruch von Abenteuer | Ein gefährliches Mädchen? | Beeren, Pipi und seltsame Zeichen | Ein Stück Brot mit unerwarteter Wirkung

Teil 3 - 

Teil 4 - 

Teil 5 - 

Teil 6 - 


Teil 1

Ein Schulprojekt mit Folgen

- 1  -

Seine Mutter konnte nicht kochen. Das musste er sich eingestehen, stellte Eddie fest, während er an einem kühlen Dienstag im April aus dem Fenster des Klassenzimmers starrte. An sich fand Eddie seine kleine, durchgeknallte Mama ziemlich in Ordnung – mal abgesehen von ihrer Eigenart noch immer selbstgehäkelte Mützen zu tragen. Aber kochen, das konnte sie einfach nicht. Jedes Mal, wenn sie wieder einen ihrer berühmt-berüchtigten Kochversuche startete, wollte ein kleiner Teil von Eddie daran glauben, dass es diesmal klappen würde. Wenn er sich dann aber an die Esstheke setzte, um das neueste Trendgericht seiner Mama zu probieren, zog sich besagter kleiner Teil sehr schnell schmollend zurück und der Rest von Eddie würgte resigniert das Algensoufflee (oder was auch immer es war) hinunter.

Deswegen gab es in Eddies Haushalt ein unverzichtbares Gerät: den Toaster. Mit dessen Hilfe war es überhaupt kein Problem, jederzeit etwas Warmes, Essbares zu produzieren. Das klappte sogar meistens bei Mama. Und von wegen nur Brot! Eddie hatte mittlerweile eine Liste von 37 Dingen, die er erfolgreich getoastet hatte. Doch Eddie stand der Sinn nach mehr. Während er an diesem kühlen Dienstag im April aus dem Fenster des Klassenzimmers starrte und über die Kochkünste seiner Mutter nachdachte, beschloss Eddie seinen Toaster zu pimpen. Es sollte der beste und stärkste Toaster der Welt werden! Da kam es Eddie, der sich eigentlich nur für die Laberfächer, wie Sprachen und Geschichte, interessierte, sehr gelegen, dass sowieso ein Projekt zum Thema traditionelle Technik anstand. Und als Herr Koch, Eddies Lehrer, ihn nach seinem Gegenstand fragte, um ihn aus seiner scheinbaren Unaufmerksamkeit zu reißen, antwortete Eddie wie aus der Pistole geschossen: Toaster!

- 2 -

Drei Stunden und siebzehn Minuten später stand Eddie zu Hause an der großen Fensterfront im Wohnzimmer. Auf dem Tisch vor sich hatte er alle Werkzeuge, die er im Haushalt gefunden hatte, neben dem Toaster aufgereiht. Zwar hatte er sich im Technikunterricht noch nie mit etwas komplizierterem als dem Laden und Einlegen eines uralten Akkus in eine quasi schon antike Taschenlampe beschäftigt, aber das würde er schon schaffen!

„Du schaffst das sicher – ich glaube fest an dich!“, rief in diesem Moment Eddies Mama quer durch die Wohnung. Sie hatte es sich in der Sitzecke gemütlich gemacht, blickte kurz von ihrem Magazin auf, lächelte Eddie zu, griff nach einem getoastetem Viereck (das es nicht mochte, wenn man es Schnitzel nannte) und biss hinein, bevor sie sich wieder in ihre Lektüre vertiefte.  Bis zu diesem Punkt war es also ein ganz normaler Nachmittag, abgesehen davon, dass diesmal keine Geschichtsaufgabe, sondern ein Toaster samt Originalverpackung (man weiß ja nie) vor Eddie lag. Erst gestern hatte er über die absurde historische Episode recherchiert, in dem ein Mann namens Donald Trump Präsident der USA war, Menschen zum Zeitvertreib Videos ansahen, in denen anderen Menschen Hautunreinheiten entfernt wurden und irgendwie alle komisch drauf waren. Doch nun ging es um die  Mission Toaster. Eddie schnaufte tief ein und aus und begann zu … lesen. Doch in der Betriebsanleitung des Toasters fand er keinerlei Hinweise darauf, wie er das Gerät verbessern könnte. Außer einer Menge für einen Toast-Profi wie Eddie überflüssiger Infos gab es nur noch irgendwelche Warnhinweise und eine hässliche Illustration, die eine Katze in einem Verbotsschild zeigte.

Eddie atmete wieder tief durch, lies seine Hand über die Werkzeuge gleiten, blieb bei einem hängen und nahm es auf. „Dann wollen wir mal“, sagte er zu seinem Toaster und setzte den Schallschraubenzieher an. Im gleichen Moment begann der Toaster, der sich bisher immer völlig still und friedlich verhalten und einfach nur getoastet hatte, zu vibrieren. Doch nicht nur das – er begann im Inneren zu blinken, wechselt die Farben und machte dabei jaulende, quietschende und fiepsende Geräusche. Eddie schmiss sein Werkzeug in die Ecke, nahm den Toaster auf und blickte ihn perplex an. Als wäre das eine Aufforderung gewesen, steigerte der Toaster sein seltsames Verhalten immer weiter. Eddie bekam es langsam mit der Angst – was passierte hier? „Uaaahhhhaaahhhhh!“ Eddie begann mit dem quietschenden, summenden und in allen Farben blinkenden Toaster im Arm auf seine Mama zuzulaufen. Hier war Hilfe gefragt. Doch während er auf die Sitzecke zulief, schien sich die Zeit ganz komisch zu verhalten. Eddie kam es vor, als würde er immer langsamer statt schneller werden. Er meinte, aus den Augenwinkeln lange Tische mit daran sitzenden Menschen und alte Technik zu sehen, seine Mutter sah er nur noch für einen Augenblick, dann wurde alles bunt und dunkel, ohrenbetäubend laut und leise, federleicht und tonnenschwer. Eddie schwebte im Nirgendwo, bekam etwas zu fassen und warf es mit aller Kraft in die Richtung, aus der er glaubte, gekommen zu sein. 

- 3 -

Lina, Eddies Mutter sprang auf.  Eben noch war sie gemütlich in ein Koch- und Backmagazin vertieft gewesen und hatte sich innerlich auf ihr Geschäftsessen am nächsten Abend vorbereitet. Nun stand sie mitten in ihrer Wohnung und blickte sprachlos auf die Stelle, an der sie eben noch ihren Eddie gesehen hatte. Er war weg! Einfach weg! Im Raum schien noch ein wenig bunter Dunst zu schweben und die Luft schien irgendwie elektrisch aufgeladen. Da! Knisterte es da mitten in der Luft? Lina sah genauer hin und genauso plötzlich, wie ihr Sohn verschwunden war, tauchte mitten im Raum ein seltsamer Batzen auf und fiel mit einem lauten Knall auf den Boden neben ein Stück Papier. Lina griff danach, ohne überhaupt nachzudenken. Nichts passierte. Nun stand sie – ein bedrucktes Blatt Papier in der einen Hand, den seltsamen Batzen in der anderen Hand da. Was ging hier vor? Sie schüttelte sich, stellte fest, dass es kein Traum war und begann sich das Papierstück genauer anzusehen. Es war die Bedienungsanleitung des Toasters, den Eddie für die Schule reparieren oder umbauen wollte. Ihr Blick blieb an einer hässlichen Illustration, die eine Katze in einem Verbotsschild zeigte, hängen und sie begann, die daneben abgedruckten Warnhinweise zu lesen: „Blablabla … das Gerät wird heiß …. Nicht für Kinder unter 6 Jahren geeignet …. Blabla … Netzspannung …. Brandgefahr! Brot kann brennen! … Blabla … nicht zum Trocknen oder Wärmen von Haustieren aller Art geeignet … Blablabla … nicht ins Wasser tauchen … Achtung! Versuchen Sie nie, das Gerät selbst zu reparieren. Der unsachgemäße Versuch kann zur spontanen Bildung von Wurmlöchern führen.“, murmelte Lina vor sich hin. Dann las sie die letzten Worte nochmals. WURMLÖCHER?! ERNSTHAFT! Vor lauter Entsetzen und Verblüffung fiel ihr der seltsamen Batzen aus der Hand und mitten auf ihren Fuß. AU! Sie hob das Ding auf und betrachtete es genauer. Es war ein Stein. Ein ganz normaler Stein. Er wirkte vielleichte ein wenig frischer als andere Steine, wenn es so etwas gab, aber ansonsten? „Ein Stein!“, Linas Nerven begannen ein wenig auszufransen – Sohn weg, Toaster weg, dafür ein Stein – das war ein wenig viel. „Stein … Stein oder nicht Stein – mag es ein Steinzeitstein sein, der Stein?“ sprudelten die Worte aus Lina heraus. Und als sie diese Worte selbst hörte, wusste sie plötzlich, dass sie Recht hatte. Es war ein Stein! Eddie hatte ihr eine Botschaft geschickt! 

Teil 2

Verschollen in der Zeit

- 4 –

Eddie wackelte mit der rechten Zehe. Alles ok. Dann wackelte er mit der linken Zehe. Schien auch ok zu sein. Er öffnete sein Auge einen kleinen Schlitz. Erst das eine, dann das andere. Nichts passierte. Er lag auf dem Rücken und hatte noch immer den Toaster im Arm. Über ihm fielen ein paar Sonnenstrahlen durch dichte, hellgrüne Blätter und er meinte, Rauch zu riechen. Ein bisschen wie er sich ein Lagerfeuer vorstellte. Davon hatte er gelesen, aber zu seinem Leidwesen noch nie eines erlebt. Langsam setzte er sich auf und ließ seinen Blick schweifen. Wo auch immer er war und wie auch immer er hierhergekommen war, er war am Rande eines Buchenwaldes gelandet. Hinter ihm erstreckten sich Bäume, unter denen es immer kühler und ruhiger wurde. Auf seiner rechten Seite erhob sich deutlich ein Hügel im Gras und ziemlich genau vor ihm war in einiger Entfernung Rauch zu sehen. Er hatte also richtig gerochen. Als er nach links blickte, zuckte er zusammen und die brennendste Frage war nicht mehr, wo er gelandet war, sondern wann. Denn auf einem großen Stein saß ein Mädchen, das sicherlich nicht in Eddies Zeit gehörte.

Sie* trug ein grobes, braunes, kurzärmeliges Oberteil und einen langen, ebenfalls braunen Rock, der von einer Schnur in ihrer Taille zusammengehalten wurde. Das konnte Eddie trotz des breiten, gemusterten Gürtels mit Quasten und einer tollen Gürtelschnalle, der wohl beim Sitzen verrutscht war, sehen. An Hals, Armen und Fingern trug das Mädchen Schmuck, der ein Spiralmuster aufwies, genau wie die Gürtelschnalle und ihre langen, hellbraunen Haare hatte sie irgendwie mit Kämmen an ihrem Kopf befestigt. Was jedoch Eddies Aufmerksamkeit am meisten fesselte war der Dolch, den sie bei sich hatte.**
Er schluckte. „Hallo. Verstehst du mich? Mein Name ist Eddie.“ Das Mädchen stutze, grinste und erwiderte mit einem leichten Kratzen in der Stimme „Ja.“.

Aha – Eddie saß mit einem Toaster auf dem Schoß auf dem Boden, schaute das Mädchen an und kam sich blöd vor. Immerhin, sie schien ihn zu verstehen (1). Aber hätte sie nicht etwas mehr sagen können? „Ich komme in Frieden.“, sagte Eddie und kam sich gleich wieder blöd vor. „Ähh – hast du auch einen Namen?“, frage er dann. „Ja.“ … … … Eddie wartete, seufzte und startete noch einen Versuch: „Wie heißt du denn?“ „Nebra, ich heiße Nebra!“, prustete das Mädchen los und lachte***. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen, als ich nur Ja gesagt habe!“, sagte sie immer noch lachend, stand auf und hielt ihm ihre Hand hin um ihm aufzuhelfen.

(1)  Auszug aus der Bedienungsanleitung von Eddies Toaster: … kann es zur spontanen Bildung von Wurmlöchern kommen. Der Einzige, der nach einem Wurmloch-Reparaturanfall wieder hierher zurückkam, Dr. Wurmel Gründbein, berichtete, dass er wundersamer Weise während seiner kompletten Reise keiner Verständigungsschwierigkeiten hatte. Sollten sie also aufgrund eines unsachgemäßen Reparaturversuchs an diesem Toaster auf Wurmlochreise gehen, wünschen wir ihnen interessante Unterhaltungen.

* Schon gewusst? Ausgrabungen und Analysen haben uns erst 2017 gezeigt, dass in der Bronzezeit wahrscheinlich (die Forschungen sind noch nicht abgeschlossen) die Männer eher sesshaft waren, die Frauen jedoch weite Reisen unternahmen und dabei Werkzeuge, Materialien und Wissen verbreiteten. Hier findest du einen interessanten Artikel dazu.

** Von wegen Fell um die Hüften! In der Bronzezeit gab es bereits Kleidung, die der unseren ziemlich ähnlich war. Gewebte Wolle und gewebtes Leinen, Fell und Leder waren die Materialien, aus denen die Kleidung bestand. Frauen trugen oft einen schwarz-weiß gemusterten Gürtel mit einer spiralförmig verzierten Gürtelschnalle und verschiedene Schmuckstücke. Lust auf mehr Infos? Hier findest du sie. 

*** Nebra ist eigentlich der Name eines Ortes in Sachsen-Anhalt. Dort fanden 1999 Grabräuber eine runde Bronzeplatte mit Verzierungen aus Gold. Das Alter dieser Scheibe wird auf 3700 bis 4100 Jahre geschätzt. Hier findest du mehr Informationen dazu. 

- 5 -

Da stand er nun, mitten auf einer Wiese im Sonnenschein, blickte das Mädchen namens Nebra an und hielt noch immer den Toaster unter seinem linken Arm. „Was hast du denn hier bei unseren Gräbern zu suchen?“, fragte Nebra. Ihr ausgelassenes Lachen hatte sich verwandelt und sie wirkte sehr ernst. Eddie blickte sich um und versuchte zu verstehen, was Nebra meinte. Nirgendwo konnte er ein Grab oder einen Friedhof oder irgendetwas Vergleichbares entdecken. Vor ihm stand Nebra, über deren Schulter er noch immer die Rauchsäulen in der Ferne sehen konnte. Hinter ihm war nach wie vor der Wald, links von ihm war der Stein, auf dem Nebra gesessen hatte und rechts war dieser Grashügel. Was wollte dieses Mädchen von ihm? „Gräber?“, fragte Eddie schließlich nach und schlug dabei einen Tonfall an, der ihn nicht allzu intelligent erscheinen ließ. „Was denn für Gräber?“ Doch bevor Nebra antworten konnte, fiel es Eddie wie Schuppen von den Augen. „Oh Mann, der Hügel! Oder?“, stieß er hervor. „Das ist ein Hügelgrab, richtig?“ „Äh – das ist unsere Grabstelle hier, ja.“, erwiderte Nebra verwirrt. „Wenn du willst, kannst du es sicherlich Hügelgrab nennen. Das beschreibt es ja ganz gut. Aber respektvoll solltest du dennoch sein – hier ruhen geachtete Menschen aus unserem Dorf.“ „Und was hast du hier gemacht?“ Eddie biss sich auf Lippe, noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Nebra blickte zu Boden, dann zum Hügelgrab. Sie blickte über ihre Schulter zu den Rauchsäulen und schließlich blieb ihr Blick auf Eddies Schuhen (2) hängen und sie murmelte: „Ich habe die Nähe und den Rat meiner Großmutter gesucht. Sie war viele Jahre unterwegs und hat vieles kennengelernt, bevor sie hier im Hügel ihre Ruhestätte fand. Ich habe sie nach Abenteuern und der Welt abseits dieses Tals gefragt … und nun bist du da. Hat sie dich geschickt?“ Bei dieser Frage blickte sie Eddie direkt in die Augen. Sie hatte seltsame, bernstein- oder honigfarbene Augen, wie Eddie sie noch nie gesehen hatte. Und diese Augen blickten ihn teils neugierig, teils angespannt und teils wachsam an. Angst schien sie nicht zu haben, aber Eddie war klar, dass seine Antwort für sie wichtig war.

 „Ich weiß leider nicht, wie ich hierhergekommen bin“, sagte Eddie und seufzte. „Es gab eine Art Unfall und ich bin einfach hier gelandet.“ Eddie seufzte nochmal – dann brach es aus ihm heraus: „Aber ich muss doch wieder heim! Meine Mama macht sich bestimmt Sorgen, ich muss das Schulprojekt abgeben und außerdem hab ich noch nicht mal ein Brot mit dabei. Wie komme ich denn wieder zurück?!“ „Keine Ahnung. Aber komm doch erst mal mit mir in mein Dorf. Wir geben Wanderern und Reisenden immer Schutz und Nahrung, auch wenn es meistens Frauen sind, die hier vorbeikommen und keine Jungs, die komisches Zeug reden. Im Dorf können vielleicht auch herausfinden, ob du ein Gesandter meiner Großmutter bist … und außerdem gibt es dort auch Brot.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich Nebra um und folgte einem schmalen Pfad, der sich in Richtung der Rauchsäulen zog. Eddie überlegte keinen Moment, sondern setzte sich ebenfalls sofort in Bewegung. Alleine auf dieser Wiese zu bleiben war keine Alternative. Auf ihn wartete ein Abenteuer, ein fremdes Dorf und – hurra – ein Stück Brot.  Danach würde er sicherlich den Weg nach Hause finden.

(2) Auszug aus der Bedienungsanleitung von Eddies Toaster: … ebenfalls berichtete Dr. Wurmel Gründbein von einem interessanten Phänomen die äußere Form der Reisenden betreffend. Scheinbar nahmen die Individuen, die er auf seiner Reise getroffen hatte, keine äußerlichen Unterschiede zwischen sich und dem Reisenden wahr, so dass Dr. Gründbein vor Auseinandersetzungen und Fragen über sein für andere Zeiten seltsames Aussehen verschont blieb. Sollten sie also aufgrund eines unsachgemäßen Reparaturversuchs an diesem Toaster auf Wurmlochreise gehen, machen sie sich keine Gedanken über ihr Outfit. Es spielt zu keiner Zeit eine Rolle.

-6-

Alle Menschen, die er sehen konnte, wirkten sehr beschäftigt. Eddie trottete hinter Nebra her, überquerte einen kleinen Fluss und nach etwa einer halben Stunde hatten sie das Dorf erreicht.

Etwa 25 stabil wirkende und, wie Eddie fand, teilweise erstaunlich große Häuser* standen auf einer kleinen Erhebung. Etliche Feuer rauchten zwischen den Häusern vor sich hin und auch aus dem Dach einiger Hütten kam Rauch, der anzeigte, dass im Inneren wohl ein Feuer brannte. Eddie war sprachlos. Ein Lagerfeuer. Ein echtes Lagerfeuer. Genau wie die, von denen er gelesen hatte. Er näherte sich vorsichtig einem der Feuer und betrachtete es. Neben dem Feuer hockte ein Mann und bearbeitete etwas, das so ähnlich aussah wie Nebras Gürtelschnalle.

Ein Stück weiter standen etliche Frauen und Kinder vor einem großen Gebilde aus Lehm und schienen auf etwas zu warten. „Was ist denn da los?“, wollte Eddie von Nebra wissen. „Was soll da los sein? Sie warten, dass das Brot fertig ist.“ Eddie überlegte und kramte in seinem Hirn nach einer Erklärung. Das musste ein Backofen sein.“ Ein Backofen! Quasi ein Urahn seines Toasters! Eddie drückte seinen Toaster ein bisschen enger an sich und seufzte. Er war nervös, hatte Hunger und – auch wenn er es sich nicht gerne eingestand – Heimweh. Schnell drehte er sich ein wenig von Nebra weg und sah sich weiter um.

Am Rand des Dorfes sah er zwei Flächen, die mit verschiedenen Pflanzen bewachsen waren. Ein paar ältere Kinder waren gerade dabei, etwas zu ernten. Er kramte in seinem Kopf nach dem Wissen aus dem Biologieunterricht und beschloss, dass es sich wahrscheinlich um Getreide und um irgendwelche Bohnen handeln musste. Daneben blühten in einer Wiese, die von Beerensträuchern (die erkannte Eddie zu seiner Freude sofort) gesäumt war, viele Blumen. „Träumst du?“, Nebra riss Eddie aus seinen Gedanken. „Bis das Brot fertig ist, wird es noch ein wenig dauern. Komm mit, ich stelle dich meinem Vater vor.“ Nebra zögerte und fügte etwas leiser hinzu „Der hat hier das Sagen. Lass dich nicht einschüchtern, falls er etwas grantig ist – das liegt dann an mir, nicht an dir. Ich habe mich nämlich vorhin weggeschlichen, weil ich keine Lust hatte, beim Stoffärben zu helfen.“ Sie nahm Eddie bei der Hand und zog ihn zu einem der langen Häuser. 

* Lust auf einen Ausflug? In Dietfurt (das ist in der Nähe unseres Zeltplatzes Bucher Berg) gibt es das  "Erlebnisdorf ALCMONA". Dort ist ein bronzezeitliches Langhaus rekonstruiert und es entstehen weitere Gebäude. Außerdem gibt es Programmangebote rund um die Stein- und Bronzezeit. Hier kannst du dich informieren. 

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Das Haus war groß, kühl, dunkel und roch seltsam. Eddie musste sich ein Grinsen verkneifen, als ihm auffiel, dass diese Beschreibung auch auf Nebras Vater zutraf. Der beeindruckend große Mann saß am Eingang des Hauses und beendete gerade ein Gespräch mit einem der anderen Männer aus dem Dorf. In seinen Händen hielt er eine Tafel, in die seltsame Symbole eingeritzt waren. Als er Nebra entdeckte, ließ er ein tiefes, brummendes Schnauben hören. „Ach, sieh an, wer da wieder auftaucht. Meine kleine Abenteurerin ist wieder da … Wo warst du denn plötzlich, als du deinen Pflichten nachkommen solltest? Meinst du, für dich gelten andere Regeln als für alle anderen?“ Er erhob sich und machte zwei Schritte auf Nebra zu. „Schau mal, ich habe einen Fremden gefunden!“, stieß Nebra schnell hervor, zerrte Eddie samt seinem Toaster am Arm und stellte ihn genau vor sich, so dass sie hinter ihm fast verschwand. Eddie erstarrte und suchte mit seinen Augen einen Fluchtweg, während der dunkelhaarige Hüne noch einen Schritt auf ihn zukam. Nein, er, Eddie, würde nicht hier sterben – in einer fremden Zeit an einem fremden Ort, zerquetscht von einem wütenden Vater! Das kam gar nicht in Frage.  Er stieß Nebra, die sich an seinen Rücken klammerte, mit seinem Ellbogen an, starffte die Schultern und streckte dem wütenden Mann seine Hand entgegen. „Hallo – ich bin Eddie und ich habe mich irgendwie … ähhhh … verlaufen. Es tut mir leid, zu stören, aber ….“ „Schon gut.“, brummte der Mann und nahm Eddies Hand in die seine. „Mein Name ist Ledro* und wenn du Unterkunft und Verpflegung brauchst, so sollst du diese auch bekommen. Mein Dorf hat noch nie einen Wanderer abgewiesen. Aber ich habe drei Bedingungen. Da meine Tochter dich ja offensichtlich in ihr Herz geschlossen hat und dich als Schild benutzt, wirst du dafür sorgen, dass sie jetzt sofort das erledigt, was ihr aufgetragen war. Danach sollst du Brot und einen Platz zum Schlafen bekommen.“ Eddie starrte Ledro an, stieß nochmals seinen Ellbogen in Nebras Rippen und überlegte krampfhaft, was er sagen sollte. Doch nun hatte auch Nebra wieder Mut gefasst, ihrem Vater zu widersprechen. „Aber das ist doch ganz und gar ungerecht …“ setzte sie an. „Keine Wiederrede! Du wirst nun das Stück Stoff, das die Reisende im Frühling hiergelassen hat, färben. Danach kannst du noch das Saatgut auf dem freien Stück Feld ausbringen und  für deinen fremden Freund habe ich danach noch eine ganz besondere Aufgabe. Los jetzt!“, polterte Ledro und verschwand im Haus.

Eddie merkte, dass er die ganze Zeit über die Luft angehalten hatte, und atmete tief aus. Danach drehte er sich zu Nebra um und funkelte sie böse an. „Na toll – das war ja ein voller Erfolg. Dann lass uns mal loslegen, sonst wird das ja nie was mit dem Brot. Was sollte das alles überhaupt?!“ Nebra fixierte einen Käfer, der zwischen ihren Füßen herumkroch und nestelte an ihrer Gürtelschnalle herum. Schließlich drehte sie sich mit einem Seufzer um und nuschelte im Fortgehen „Komm mit – wir brauchen ein paar Beeren. Bei den Sträuchern erkläre ich dir alles.“

„Also es ist so – mein Vater bildet sich ein, dass er unbedingt ein Tuch in der Farbe von Beeren haben will, “, erklärte Nebra, während sie und Eddie dicke, fleischige Beeren aus einem sehr stacheligen Busch pflückten. „Alle anderen sind mit den braunen und schwarzen Stoffen zufrieden – aber nein, mein Vater will etwas Besonderes, damit jeder sieht, was für ein mächtiger und einflussreicher Mann er ist. Im Frühling kam eine Reisende durch unser Dorf und mein Vater handelte so lange mit ihr bis sie ihm ein Stück Stoff überließ, das ganz hell ist. Nun will er, dass ich daraus ein farbiges Stück Stoff mache.“ Eddie zupfte an den Beeren herum und schmollte. Mittlerweile hatte er außer Hunger und Heimweh auch noch zerkratzte Hände und musste sich Gedanken machen, was denn die besondere Aufgabe sein würde die Ledro noch für ihn hatte. „Dann machen wir das jetzt halt einfach.“, maulte er Nebra an. „Jaja,  ist ja gut – ich hätte es ja noch gemacht, aber ich wollte eben ein wenig alleine sein und darüber nachdenken, wie das Leben anderswo ist.“, schnappte Nebra. „Das sind jetzt genug Beeren.“ Sie lief einfach los und ließ Eddie stehen.

* Der Name Ledro ist der Name eines italienisches Sees, an dem es eine bronzezeitliche Siedlung gab. Mehr Informationen gibt es hier.

-8-

Einige Zeit später fand Eddie Nebra an einer der Feuerstellen, wo sie Wasser in einem großen Gefäß erhitzte. „Hey – ich, ähhh, ich werde immer ziemlich unfreundlich, wenn ich Hunger habe … entschuldige.“, sprang Eddie über seinen Schatten. Er hatte nachgedacht und beschlossen, dass es doch besser war, sich mit Nebra zu vertragen als ganz alleine mit seinem Toaster am Beerenstrauch zu stehen. „Mir tut es auch leid.“ Nebra grinste ihn schräg an. „Ich war einfach sauer, weil mein Vater uns so angeschrien hat. Aber nun musst du die Suppe auslöffeln, die ich uns eingebrockt habe. Das ist auch doof.“ Sie blickten sich durch den Rauch des Feuers an und plötzlich prustete Nebra los. „Hast du … hast du dir zufällig mit der Hand über dein Gesicht gerieben?“ „Ähhh, ja, schon, ich hatte da einen Käfer sitzen oder so.“, schwindelte Eddie, der unter keinen Umständen zugegeben hätte, dass er sich ein paar Wuttränen aus dem Gesicht hatte wischen müssen. „Du bist ganz rosa!“, quiekte Nebra und schüttete sich vor Lachen aus. „Wie ein kleines Ferkel!“ Eddie war kurz davor, sich zu ärgern, aber Nebras Lachen war so ansteckend, dass er einfach mitlachte. Er stellte seinen Toaster vorsichtig neben die Feuerstelle und blickte in den Topf. Dort schwammen zerquetsche Beeren in eine Flüssigkeit, die ein wenig seltsam roch. „Was ist das?“ „Brombeeren, Wasser und Pipi.“, entgegnete Nebra. „die Reisende meine, dass man das so macht. Jetzt hole ich den Stoff und dann können wir los und die blöden Samen ausbringen.“ Gesagt getan. Während Eddie neben seinem Toaster am Feuer kauerte und auf Nebra wartete, starrte er ins Feuer. Er saß tatsächlich an einem Lagerfeuer. An einem echten Feuer, das knackte und rauchte und heiß war! Das war tatsächlich ein schönes Gefühl. Schöner als er es sich hatte vorstellen können, als er davon gelesen hatte. Doch da war Nebra auch schon wieder da, lies ein Stück dicken, wolligen Stoff in den Kessel plumpsen, drückte ihn mit einem Stab herunter und meinte „So, nun müssen wir warten. Also los – lass uns aufs Feld gehen.“ Eddie stand auf, nahm seinen Toaster auf den Arm und trabte hinter Nebra her. „Eigentlich müsste ich dem Toaster fast einen Namen geben“, überlegte er, „wir sind ja fast sowas wie Reisegefährten und so wie es aussieht, dauert das alles ganz schön lange.“ Doch da unterbrauch Nebra seine Gedanken. Sie drückte ihm eine Mischung aus Erde und Samen in die Hand und deutete auf ein freies Stück Feld. „Verteilen!“, befahl sie knapp und machte sich ihrerseits an die Arbeit. Mit einem komischen Gerät, das aus einem Holzstab und einem am unten befestigten Stück Metall bestand lockerte sie den Boden und bedeutete Eddie, dort das Saatgut hinzuwerfen. Sie arbeiteten keine kurze Weile stumm nebeneinander her, dann war es auch schon geschafft. „Geschafft.“, sagte Nebra dann auch. Jetzt musst du zu meinem Vater zurück und ihn fragen, was er noch von dir will. Ich gehe nach dem Stoff schauen. 

-9-

Ledro saß auf den Stufen seines Hauses und wirkte viel entspannter als bei ihrem ersten Zusammentreffen. In seinen Händen hielt er noch immer die Platte mit den eingeritzten Zeichen. Als er bemerkte, dass sich Eddie näherte, blickte er auf und – oh Wunder – grinste ihn an. Er grinste sehr ähnlich wie Nebra, nur mit viel mehr Haaren rund um seinen Mund und auf seinen Wangen. „Ahhh, der kleine Fremde ist wieder da. Und – hast du meine Tochter dazu gebracht, sich um ihre Aufgaben zu kümmern? Ich bedaure, dass ich auch zu dir so grob war – aber Nebra hatte den Bogen einfach überspannt. Komm, setz dich zu mir.“ Eddie stellte den Toaster vorsichtig an den Fuß des Hauses und setzte sich noch vorsichtiger neben den riesigen Mann. „Du kommst von weit her?“, fragte Ledro. „Ja, irgendwie schon…“ „Dann sieh dir bitte einmal dies hier an. Kannst du mir sagen, was das bedeutet?“, Ledro drückte Eddie die Tafel in die Hand und blickte ihn gespannt an. Unbekannte Zeichen zogen sich über den ganzen Stein, bildeten Gruppen und wiederholten sich zum Teil. Eddie fand sie recht hübsch, aber hatte keine Ahnung, was sie bedeuten sollten. In der Schule und aus seinen Büchern kannte er alte Zeichen wie Hieroglyphen, aber so etwas hatte er noch nie gesehen. Was sollte er tun? Noch wirkte Ledro recht friedlich, aber würde das auch so bleiben? Vorsichtig blickte Eddie ihn an und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Hmpfdmpf nie dmpgmüpf“, murmelte er – und als Ledro ihn verwirrt anblickte, wiederholte er lauter „Ich habe so etwas auch noch nicht gesehen! Bitte sei nicht böse!“ In diesem Moment stürmte Nebra heran. Sie hielt ein Stück pinken Stoff über ihrem Kopf und jubelte „Es hat geklappt, es hat geklappt.“ Dann legte sie ihrem Vater den noch feuchten Stoff in die Hände. Der blickte auf den Stoff, dann auf seine Tochter, dann auf Eddie. Er legte den Stoff vorsichtig beiseite und stand auf. Eddie sah sich um – wo konnte er Deckung suchen – und zuckte zusammen, als Ledro einen lauten Ruf ausstieß! „Das ist mein Mädchen!“, er nahm Nebra hoch, schleuderte sie einmal im Kreis, setzte sie ab, wandte sich Eddie zu und klopfte ihm so fest auf die Schulter, dass er fast von der Türschwelle gefallen wäre. „Leg die Tafel hin, kleiner Fremder“, polterte er. „Jetzt wird gegessen!“

-10-

Eddie und Nebra saßen auf einem Stein bei den Feldern. Beide hatten ein Stück Brot in der Hand und schauten auf das bestellte Feld. „In ein paar Wochen werden hier Bohnen wachsen und mich an dich erinnern.“, sagte Nebra nachdenklich. „Du bist dann sicher schon lange woanders und ich bin immer noch hier.“ „Vielleicht lässt dein Vater dich ja auch bald auf Reisen gehen?“ „Ja, vielleicht … aber sag mal, was ist das eigentlich für ein Ding, das du da dabei hast? Was macht man damit?“ Eddie starrte seinen Toaster an. „Das? Das ist wie ein Backofen, nur in ganz klein.“, erklärte er. Man muss ein Stück Brot in den Schlitz stecken – so, siehst du?“ KABUMM! Es gab einen lauten Knall und der Toaster machte wieder jaulende, quietschende und fiepsende Geräusche. Entsetzt starrte Eddie seinen Toaster an. Es kam ihm vor als würde er sich immer schneller bewegen, obwohl er auf dem Stein saß. Vor seinen Augen begann alles zu flimmern, dann  wurde alles bunt und dunkel, ohrenbetäubend laut und leise, federleicht und tonnenschwer. Eddie schwebte im Nirgendwo, dachte sich noch „Nicht schon wieder!“, bekam etwas zu fassen und warf es mit aller Kraft in die Richtung, aus der er glaubte, gekommen zu sein.

-11-

Lina, Eddies Mutter stand in Tränen aufgelöst an Eddies Arbeitsplatz und versuchte dem Polizisten zu erklären, was geschehen war, ohne dass sie sich damit selbst in die Psychiatrie verfrachtete. „Nein wirklich! Es hat gejault, gequietscht, gepiepst und dann war Eddie weg.“, versicherte sie Inspektor Brauentreiber. „Es war dieser verflixte Toaster!“ Inspektor Brauentreiber machte sich Notizen, hob eine Augenbraue und fixierte Lina „Sie wollen also wirklich behaupten, dass ihr Sohn von einem Toaster entführt wurde?“ „Nein – es ist dieser Toaster gewesen,“ schrie Lina und hielt dem Inspektor die Bedienungsanleitung vor die Nase. Der warf einen Blick darauf und wurde blass. „Oh nein – das Wurmel Gründbein Modell!“, japste er. „Ich dachte, die haben wir alle aus dem Verkehr gezogen.“ Und während sich Lina und Inspektor Brauentreiber noch entsetzt anstarrten, gab es plötzlich ein jaulendes, quietschendes und fiepsendes Geräusch, einen kleinen Lichtblitz und mitten auf den Tisch, zwischen Lina und Inspektor Brauentreiber fiel eine kleine Statue. Ein fast nackter Mann mit einem Bart, Weintrauben, einem Becher und einem Stab in der Hand lag nun zwischen Eddies Werkzeugen. Lina kippte mit einem kleinen Seufzer um und Inspektor Brauentreiber ließ resigniert sein Tablet sinken. „Oh nein, es geht wieder los!“